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Verhüllungsinitiative

Es ist eine Abstimmung über Islamfeindlichkeit

Als weltoffene, tolerante, in der Schweiz aufgewachsene Muslimin fühle ich mich durch die Verhüllungsinitiative vor allem eins: ausgegrenzt. Ein Kommentar.

02/18/21, 03:43 AM

Aktualisiert 02/18/21, 10:21 AM

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«Wo ist Walter?» mal anders. Operation Libero setzte sich mit diesem Plakat schon 2017 gegen das Verhüllungsverbot ein.

«Wo ist Walter?» mal anders. Operation Libero setzte sich mit diesem Plakat schon 2017 gegen das Verhüllungsverbot ein. (Foto: zvg)

Es ist für mich selten ein Problem, als Muslimin oder als muslimisch geprägte Person in der Schweiz zu sein. Ich gebe auch wenig sichtbare Angriffsfläche. Das grösste Thema ist eigentlich immer, dass ich kein Schwein esse. Aber dafür haben die Menschen immer Verständnis. Möglicherweise wäre mein tendenziell eher wenig religionsaffines Umfeld anders mit mir umgegangen, würde ich ein Kopftuch tragen und meine Religionszugehörigkeit wäre sichtbarer. Aber das ist für mich Theorie.

Mit dem Erstarken des Islamismus und der Zunahme an Islamfeindlichkeit wurde ich insgesamt vorsichtiger. An was ich glaube, welcher Religion ich angehöre, war nichts, das ich gerne und offen preisgab. Sondern mehr denn je Privatsache. Es strengt mich schlicht an, mich abgrenzen zu müssen, Vorurteilen ausgesetzt zu sein, das Weltbild, von Menschen, die in ihren Köpfen den Islam mit der IS und Terror verknüpft haben, richtig zu stellen: Islam ist nicht gleich Islamismus und ich bin als Muslima vermutlich ähnlich weltlich unterwegs, wie die meisten Christ*innen oder Atheist*innen, mit denen ich aufgewachsen bin.

«Und schon wieder müssen wir Muslim*innen erklären, dass der Islam nicht aus Terrorist*innen besteht, die es auf den Frieden und die Freiheit abgesehen haben.»

Die Schweiz stimmt am 7. März darüber ab, ob die Menschen sich im öffentlichen Raum vollverhüllen dürfen oder nicht. Obwohl im Initiativtext mit keinem Wort von Burka oder Nikab die Rede ist, zielt die Kampagne des Egerkinger Komitees genau auf sie ab: Nikab-Trägerinnen. Begründung: Frauen würden im Islam unterdrückt, man wolle Betroffene von dieser Bürde befreien, sich verschleiern zu müssen, sagen Befürworter*innen.

Eine Initiative, die mich nicht wirklich betrifft. Aber trotzdem etwas angeht – und ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöst. Und schon wieder müssen wir Muslim*innen erklären, dass der Islam nicht aus Terrorist*innen besteht, die es auf den Frieden und die Freiheit abgesehen haben. 

Geht es tatsächlich darum, dass ein paar nicht-muslimische selbsternannte Freiheitskämpfer*innen aus der rechtschristlichen Ecke etwa 37 Frauen in der Schweiz von der unterdrückenden Bekleidung befreien wollen? 

Nein.

Es geht den Unterstützer*innen des Verbots allein darum, weitere Nahrung für einen islamfeindlichen Diskurs in der Schweiz zu liefern. Und dabei die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus auszulassen und alle Muslim*innen pauschal auszugrenzen.

Mit Erfolg.

«Wo eine komplett verschleierte Frau auf der Strasse zu sehen ist, muss man nicht zwangsläufig einen sofortigen Terrorakt mit dem Gift des Islam vermuten», schrieb BaZ-Chefredaktor Marcel Rohr kürzlich und warf damit eine Weltreligion und 1,8 Milliarden Muslim*innen in einen Topf. In der Schweiz sind es 380'000 Muslim*innen. 

«Für mich ist diese Initiative nichts als Provokation.»

Alima Diouf, Migranten helfen Migranten

Zum Glück gibt es in anderen Medien Gegenstimmen, die die wahren Beweggründe der Initiant*innen durchschaut haben und benennen: «Worauf es das Egerkinger Komitee angelegt hat, ist vielmehr, den Kultur­kampf mit allen Mitteln anzuheizen», schreibt der Republik-Kolumnist Daniel Binswanger und prophezeit bei einer Annahme der Initiative, dass die Kopftuch-Träger*innen als nächstes dran sein werden. 

«Für mich ist diese Initiative nichts als Provokation», sagt Alima Diouf. Sie leitet den Verein Migranten helfen Migranten, kommt ursprünglich aus Senegal und ist selbst Muslima. «Ich verstehe, dass man gegenüber der Burka oder dem Nikab kritisch eingestellt sein kann. Ich finde es selbst nicht gut, wenn Frauen vollverschleiert sind. Aus meiner Erfahrung geschieht das nämlich oft nicht freiwillig», sagt sie. Die Initiative mache in der Schweiz aber keinen Sinn. «Ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht fünf verschleierte Frauen in der Schweiz gesehen.» 

Diese Initiative in der Schweiz zu lancieren, sei islamfeindlich und an den Problemen der Menschen vorbeigedacht. «Ich verstehe nicht, warum die Schweiz über so etwas abstimmt. Wir stecken in einer Pandemie. Haben wir nicht gerade drängendere Probleme? Was ist zum Beispiel mit der Arbeitslosigkeit oder der Zunahme von häuslicher Gewalt?» 

Für liberale Menschen wie Alima, für Menschen wie mich, ist das Verhüllungsverbot ein Signal dafür, dass in der Schweiz kein Platz ist für muslimische Migrant*innen. Es ist eine Initiative, die an der Realität vorbei zielt und uns zwingt, uns aktiv abzugrenzen. Dieser ganze Diskurs ist falsch: «Ich bin muslimisch, ich bin schwarz und Teil der Schweiz», sagt Alima. Punkt.

Wir reden mit – statt über – Menschen.

Die Botschaft des Egerkinger Komitees, das «der Islamisierung der Schweiz» Einhalt gebieten will, ist eindeutig: Alima, ich, tausende Muslim*innen in der Schweiz – wir haben hier nichts zu suchen. Wir passen nicht ins Bild, welches das Komitee für seine Heimat zeichnet. So fühlt es sich jedenfalls an. 

Dass man möglicherweise als nächstes darüber diskutiert, das Kopftuch zu verbieten, findet Alima unvorstellbar. «Ich trage zwar kein Kopftuch, aber ein solches Verbot geht für mich gar nicht», sagt sie. «Was ist mit Nonnen? Sie tragen auch eine Kopfbedeckung. Ausserdem hat das Kopftuch nicht nur mit Religion zu tun, sondern auch mit Kultur.»

Am Schluss ist es eindeutig: Das geforderte Verhüllungsverbot ist keine Initiative, die Frauen schützen will. Es geht dabei einzig und allein um die Vorstellung der perfekten schweizerischen Schweiz – in den Augen der Initiant*innen ist das keine migrantische Schweiz. Sie wollen uns hier nicht. Es wäre sehr schmerzhaft, wenn die abstimmende Mehrheit das nicht durchschaut.