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Massenkündigungs-Ticker

Zürich-Versicherung stellt erneut Mieter*innen auf die Strasse

Rund 75 Mietparteien an der Sempacher- und Rheinfelderstrasse haben von der Anlagestiftung des Versicherungskonzerns die Kündigung erhalten. Das sind die Fälle 26 und 27 im Bajour-Massenkündigungsticker.

Franziska Zambach

08/27/20, 04:03 AM

Aktualisiert 11/09/20, 03:05 PM

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Nachdem zuletzt rund 20 Bajour-Leser*innen Hinweise auf noch unbekannte Massenkündigungen eingereicht haben (Das Formular dazu ist hier), war am 9. November der Mieter*innenverband dran: Zwei weitere Massenkündigungen habe die Zürich-Anlagestiftung ausgesprochen, einmal im Gundeli und einmal im Wettsteinquartier. Bajour hat die Fälle verifiziert und in den Ticker aufgenommen. Cornelia Birch, Sprecherin der Zurich-Versicherung, schreibt: «Die betroffenen Liegenschaften von Zurich in Basel sind alle rund 40 Jahre alt und unsaniert. Deshalb sind umfassende Sanierungsarbeiten notwendig, die einen Verbleib der Mieter in den Wohnungen verunmöglichen.» Die Liegenschaften an der Sempacherstrasse habe zudem Ausnutzungspotential, das sinnvollerweise zu erschliessen sei. Nach der Sanierung würden die Wohnungen zu marktüblichen Mietzinsen vermietet.

Am 29. November wird in Basel-Stadt über das Wohnraum-Fördergesetz abgestimmt. Bajour hat fünf aktuelle Fälle aus dem Massenkündigungsticker dem Mieterinnen- und Mieterverband Basel-Stadt sowie dem Hauseigentümerverband Basel-Stadt vorgelegt, mit der Bitte, anhand der konkreten Kündigungen zu argumentieren, weshalb das Gesetz gut ist (Hauseigentümer) respektive bekämpft werden soll (Mieter*innenverband). Die Antworten folgen in den nächsten Tagen.

Wurde dir selbst gekündigt? Oder kennst du jemanden?

Schorenweg, Erikastrasse, Haltingerstrasse – es gibt Adressen, die sind in Basel vor allem für ihre Massenkündigungen bekannt. Hier eine ältere Frau, die nach 35 Jahren umziehen muss, da eine WG, die lautstark über den Wegfall ihrer 200-Franken-Zimmer in Gehdistanz zur Uni klagt. Die Medien erzählen die einzelnen Schicksale in der Regel so: pro Mieter*innen, contra Vermieter*innen. Doch das Bild ist komplexer und die Faktenlage dünn.

Bajour hat in einer aufwendigen Recherche 25 belegte Fälle von Massenkündigungen seit 2018 analysiert. Diese Recherche bildet den Grundstock zum Massenkündigungs-Ticker, den wir ab sofort führen. Unser Ziel: Wir möchten nicht nur über einzelne, aufsehenerregende Kündigungen berichten, sondern beobachten, wie es danach weitergeht:

  • Wie teuer wird die sanierte 900-Franken-Wohnung der älteren Frau tatsächlich vermietet?
  • Was entsteht aus der Studenten-WG?
  • Oder genereller: Wie stark steigen die Kosten nach Sanierungen an?

Die 25 dokumentierten Massenkündigungen zeigen, dass die Preise teilweise heftig ansteigen. In einem Fall ist eine renovierte 2,5-Zimmer-Wohnung für 1420 Franken ausgeschrieben, die vor der Sanierung gemäss Medienberichten 400 Franken gekostet haben soll. Anderswo wurde den Mieter*innen die eigene Wohnung zum doppelten Preis angeboten. Es sind Einzelfälle, in denen der Mietpreis jeweils vor und nach einer Massenkündigung publik sind – deshalb ist die Aussagekraft gering.

Um das zu ändern, brauchen wir das Wissen der Masse, brauchen wir dich: Wurde dir selbst gekündigt oder kennst du jemand, die*der in einer von einer Massenkündigung betroffenen Wohnung gelebt hat? Oder hast du sogar Belege für eine Massenkündigung seit 2018, die wir noch gar nicht auf dem Radar hatten? Dann schreibe uns deine Informationen – das Formular dazu findest unterhalb des Tickers oder direkt hier.

Ein Basel ohne WCs auf dem Gang

Ein bisschen Licht können wir aber bereits jetzt ins Dunkle bringen. Für Bajour hat das statistische Amt in den Rohdaten ihrer Mietpreiserhebung gewühlt. Damit werden die Mietpreise von 4000 Wohnungen auf Kantonsgebiet überwacht und auch Sanierungen werden berücksichtigt. (Korrigendum der Redaktion: Wir hatten zuerst fälschlicherweise geschrieben, es handle sich um das Mietpreisraster mit 15'000 Wohnungen. Dieses stützt sich auf Daten der Strukturerhebung des Bundes. Im Gegensatz zur Mietpreiserhebung sind hier die Preiserhöhungen aufgrund von Sanierungen nicht zu vergleichen.) 

Schaut man sich die jeweils letzte Mietpreis-Meldung vor und unmittelbar nach einer Sanierung an, ergibt sich eine durchschnittlich 26 Prozent höhere Nettomiete, wie der zuständigen Produktteamleiter Tobias Erhardt sagt. Dafür berücksichtigt worden sind 121 Beobachtungen seit Februar 2019.

Wir besetzen Basel.

26 Prozent, das ist weit weg von einer Verdoppelung. Aber es verändert die Stadt. 1500 statt 1200 Franken Monatsmiete zieht andere Bewohner*innen an – oder sorgt dafür, dass die gleichen Bewohner*innen weniger Geld für ein Essen im Restaurant oder einen Konzertbesuch haben. Und mit der letzten 5-Zimmer-Wohnung mit WC auf dem Gang schwindet auch der Platz für Lebenskünstler*innen im 4057. Das kann man gut finden oder bedauern, fördern oder verbieten wollen.

Bajour macht den Anfang, indem wir die Transformation aufzeigen. Mit dem Massenkündigungs-Ticker.

So haben wir recherchiert: Als erstes haben wir Beispiele von bekannten Massenkündigungen gesammelt und eine Mediensuche gemacht. Dann haben wir jede einzelne Kündigung mit den Einträgen im Grundbuch und mit den entsprechenden Wohnungsdossiers/-inseraten abgeglichen.