Bullwinkels Blickwinkel

Pudding for Future

Über den Trend, gemeinsam und im realen Leben Pudding mit der Gabel zu essen, kann man sich lustig machen. Doch er verkörpert exakt das, was es angesichts zunehmender Bedrohungen braucht: Mehr Wir-Gefühl, weniger Ego. Ein Wochenkommentar von Chefredaktorin Ina Bullwinkel.

Pudding mit Gabel Woko
Besser gemeinsam Pudding essen als allein vor dem Bildschirm hängen. (Bild: Adobe Stock / Collage: Bajour)

Angesichts all der Probleme in der Welt wünschte ich, es würde mir etwas geben, Pudding mit der Gabel zu essen. Bei diesem Tiktok-Trend der Generation Z, der inzwischen in der Schweiz und auch in Basel angekommen ist, geht es vor allem darum, etwas Lustiges zu machen, das keinen Sinn ergibt, etwas, das günstig ist und bei dem kein Leistungsgedanke dahintersteckt. Einem Teil der Pudding-essenden Jugend geht es jedoch um mehr, als zusammen albern zu sein: um ein Wir-Gefühl, darum, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und neue Kontakte zu knüpfen. 

Ist die Jugend inzwischen so verunsichert, dass sie sich an solche Aktionen klammern muss? Oder ist es ein gutes Zeichen, wenn ein Trend aus den Sozialen Medien dazu führt, dass junge Menschen «im echten Leben» zusammentreffen? 

Die krampfhafte Vorstellung, ausschliesslich seines eigenen Glückes Schmied zu sein und sein zu müssen, ist Ausdruck eines jahrzehntelangen neoliberalen Zeitgeists.

Gemeinschaftlich am Nachmittag oder am Abend Pudding zu essen ist so ziemlich das Gegenteil des nach Selbstoptimierung strebenden «5-am-Clubs», einem anderen Social-Media-Trend, bei dem es darum geht, vor allen anderen wach zu sein, im Morgengrauen bereits Sport oder eine Achtsamkeitsübung zu machen und erste Mails zu beantworten. Alles, um die eigene Produktivität – für alle sichtbar – zu steigern.

Die krampfhafte Vorstellung, ausschliesslich seines eigenen Glückes Schmied zu sein und sein zu müssen, und dass man eigentlich alles erreichen kann – wenn man denn nur hart genug strampelt –, ist Ausdruck eines jahrzehntelangen neoliberalen Zeitgeists und eines Egoismus-Exzesses, der angesichts der immer lauteren Appelle ans Wir-Gefühl (Putin, Demokratie-Bedrohung, Klimawandel, etc.) nicht mehr zur heutigen Realität passen will, in der es weder Aussichten auf Wirtschaftswunder noch die Hoffnung auf anhaltenden Frieden in Europa gibt. 

Gerade die Generation Z muss sich immer wieder anhören, weniger produktiv als die vorherigen Generationen zu sein. Obwohl es an dieser These berechtigte Zweifel gibt. Genauso wie an der These, dass in der Blütephase der Boomer alles besser lief, weil damals alle fleissig und engagiert waren und selbstverständlich nur Dinge gemacht haben, die ihnen und der Gesellschaft etwas gebracht haben. So wundert es nicht, dass Leute sich in den Kommentarspalten zum Pudding-Treff über die vermeintliche Blödheit der heutigen Jugend auslassen.

Es sind nicht pauschal die Gen-Z-ler, die Mühe haben, ein Wir-Gefühl zu entwickeln, es sind die durchgeknallten Extrem-Individualist*innen, die es in jeder Altersgruppe gibt.

Jahrzehntelang wurde das Individuum gepusht und die Vereinzelung der Gesellschaft vorangetrieben. Da ist es eigentlich ein Wunder, dass sich Menschen überhaupt noch die Zeit nehmen, sich irgendwas gemeinsam reinzuziehen. Oder eben kein Wunder, da das Pendel nun in die andere Richtung schlägt und das Bedürfnis in Zeiten galoppierender Vereinzelung vor dem Handy nach Gemeinschaft aufflammt. 

Es sind nicht pauschal die Gen-Z-ler, die Mühe haben, ein Wir-Gefühl zu entwickeln, es sind die durchgeknallten Extrem-Individualist*innen, die es in jeder Altersgruppe gibt und jede vernünftige Gemeinschaftsaufgabe, wie etwa das Erreichen von Impfquoten, mit stupiden Freiheits-Rufen quittieren und dafür von der bürgerlichen, alt-neoliberalen Seite noch beklatscht werden. Dann doch lieber eine Gruppe von jungen Menschen, denen es nichts ausmacht, belächelt zu werden, weil sie auf der Suche nach Gemeinschaft sind.

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