«Spitzensport ist per se krank»

«Heben Sie klassisches Ballett vom Sockel der Hochkultur. Besuchen Sie keine Vorstellungen mehr», schrieb Autorin Naomi Gregoris in ihrem Kommentar. Einige Bajour-Leser*innen machte das hässig.

Ballett Kommentar
Bei der Diskussion gehen die Meinungen auseinander.

Mutter Ulrike Hörler hatte gar keine Freude am Kommentar von Autorin Naomi Greogoris. Nach den Missbrauchsvorwürfen an der Ballettschule Theater Basel (BTB) kommentierte Naomi in Richtung des Publikums: «Besuchen Sie keine Vorstellungen mehr.»

Hörler passt das nicht. Sie ist Mutter einer Schülerin der Junior School der BTB (Sportklasse) – das ist das Angebot für Kinder und nicht die Ausbildung, die aktuell in der Kritik steht. Hörler ist zudem selbst Sportlehrerin/Sportwissenschaftlerin. Sie hat eine ausführliche Stellungnahme geschrieben (siehe Box).

Sehr geehrte Redaktion von Bajour,

Mit dem Kommentar „Alle schauen zu, niemand sieht hin“ auf Ihrer Plattform (folgend auf den Artikel „Man brach uns und alle schauten zu“ in der NZZ am Sonntag vom 23.10.22) geht Frau Gregoris entschieden zu weit. Das Theater/Ballett an sich hat nicht mit allfälligen zwischenmenschlichen und/oder pädagogischen Missständen bzw. Fehlverhalten von einzelnen Personen in der aktuellen Ballettausbildung zu tun. Diese sind natürlich, falls tatsächlich der Fall, kategorisch zu verurteilen, nicht zu entschuldigen und sofort zu beheben.

Frau Gregoris differenziert nicht, sie pauschalisiert und verallgemeinert und es ist anzunehmen, dass fundierte Recherchen zum heutigen Ballett im Allgemeinen und bezogen auf das Theater Basel (nicht die Ausbildung) ein anderes Bild ergeben würden. Sie „schüttet sozusagen das Kind mit dem Bad aus“. Sie betreibt Mobbing und Rufschädigung gegen das Theater Basel. Was ist mit den vielen Ballettänzerinnen und -tänzern, die bis in ein Alter von etwa 40 Jahren als Profi tanzen? Diese tun das definitiv nicht 20 Jahre mit blutenden Füssen. Die heutigen hoch entwickelten Spitzenschuhe tragen hierzu sicher auch ihren Teil bei. Ballett ist übrigens auch eine Kunst der/für Männer, was im Bericht völlig untergeht.

Wir können keine Stellung zur EFZ-Ausbildung nehmen, darin haben wir keinen Einblick. Aber unsere Tochter besucht seit dem Sommer die Junior School an der BTB und ist mit Begeisterung und Freude dabei. Insbesondere freut sie sich unendlich auf die Nussknacker-Vorführung im Dezember, wo sie, wie viele andere Kinder auch, mit leuchtenden Augen auf der Bühne stehen wird. Und Frau Gregoris sagt nun den Leuten, sie sollen keine Vorführungen besuchen und die Kinder vor leeren Reihen tanzen lassen. Das ist schändlich und gemein. In der Junior School der BTB wird sehr stark auf die Gesundheit der Kinder geachtet und sorgfältig trainiert. Auch wird der Spitzentanz subtil und dem Alter gerecht trainiert. Das erlebe ich als Mutter sehr direkt mit.

Ausdruckstanz hat viele Facetten. Eine davon ist Ballett. Es ist eine Symbiose aus Sport, Musik und Kunst die für Aktive und Publikum als Höhenflug künstlerischer Performance betrachtet wird. Nimmt sich da jemand heraus, anderen zu erklären was Kunst ist? Genehme Kunst? Sind wir wieder in die Nähe von entarteter Kunst gerückt wo irgend wer Kunst definiert? Wenn Frau Gregoris mit ihren feministischen Ansichten Ballett nicht goutiert, dann kann sie das für sich so entscheiden. Nicht aber darf Sie andere damit schädigen bzw. ihnen Chancen, Freuden und Träume wegnehmen.

Wenn eine Lehrperson im Gymnasium ein Fehlverhalten gegenüber SchülerInnen zeigt, wird auch nicht die ganze Schule bzw. das Schweizerische Schulsystem verurteilt und dann anderen SchülerInnen die Chance genommen, ihre Ausbildung fortzusetzen… Im konkreten Fall stellt die Pauschalkritik am Ballett auch die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen für den zeitgenössischen Tanz in Frage.

Schon im Grundartikel in der NZZ am Sonntag werden die Sachverhalte sehr einseitig aufzeigt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele dieser Vorwürfe relativ weit zurück gehen. Von welchem Zeitraum reden wir? Es fehlt jeglicher Hinweis auf das Jahr der Ereignisse. An allen Ballettschulen die wir kennen lernten (London, Stockholm, Helsinki…) weht in den letzten Jahren ein anderer Wind. Jugendärzte sind involviert, wir nehmen unter jugendlichen TänzerInnen fröhliche, hochmotivierte Stimmung wahr. Ging diese Entwicklung bei den Recherchen unter?

Sie schaden aktuell dem Theater als Ganzes, der Kultur und vielen gesunden und motivierten Kindern und Jugendlichen sowie Profitänzern. Wenn sich irgendwer in Stil und Ton daneben benimmt, oder andere Missstände herrschen - was in jeder Schule, Sportverein oder Kulturbetrieb vorkommen kann - ist dies, wie schon erwähnt, kategorisch zu verurteilen, nicht zu entschuldigen und sofort zu beheben. Aber es darf nicht derart pauschal eine ganze Kunstrichtung abgeurteilt werden.

Die Aussagen von Frau Gregoris zum Kunstbetrieb im Allgemeinen sind aus unserer Sicht politische Statements aus einer ganz bestimmten Ecke, die wir entschieden zurückweisen.

Mit freundlichen Grüssen

Ulrike Hörler

Eine andere Leserin ist besorgt. Sie fragt: «Wer schützt Kinder und Jugendliche im Eiskunstlauf? Gibt es eine Kontrolle in den Vereinen? Im Breitensport? Bei Privatunterricht? Im Leistungssport?»

Wir haben deshalb unsere Briefing-Leser*innen gefragt: Ist es Zeit, dass man Spitzensport – wie das Ballett – abschafft? 680 Leser*innen haben geantwortet, und zwar so:

Basel-Briefing-Leser Mathis möchte nicht vorverurteilen und die Untersuchungen abwarten. Für ihn steht aber fest: «Wer im Sport mit Olympia liebäugelt, muss die Grenzen des Erträglichen ausloten, das macht weder Spass noch Freude. Da wird gelitten.» Dasselbe gelte natürlich auch im Ballett oder in der Musik. «Ja, 10 Stunden üben ist nicht nur lustig, der Körper wird auch da maltraitiert, Schmerzen sind die Folgen, doch wer einen Premier Prix in Toronto, Paris, Genf oder Wien anstrebt, muss da durch, es ist kein Ponyhof.» Tennisspieler*innen wie Hinggis und Federer, die «von reiner Freude am Training» berichten würden, seien Ausnahmen.

Die Zuschauer*innen bestimmen mit

Viele Leser*innen sehen Ballett und Spitzensport allerdings kritisch. Zum Beispiel Basel-Briefing-Leser Jörg, der deutliche Worte findet: «Spitzensport ist per se krank und unmenschlich», schreibt er uns per Mail. «Diese Leistungserbringung ist nur mit Verlusten möglich. Für Ruhm und Ehre wird ein hoher Preis bezahlt.» Userin _sweetblackangel auf Instagram findet es unverantwortlich, ein Kind ins Ballet zu schicken.

Ebenfalls deutlich ist Christian Mueller vom Freistaat unteres Kleinbasel. Er schreibt uns auf Facebook und wir drucken seine Antwort ab, obwohl er sie etwas freundlicher hätte formulieren können: «Ballett war und ist schon vorher doof. Weil die Form wichtiger ist, als der Inhalt... Oper genau gleicher konservativer Mist.» Eine konstruktive Diskussion löst er damit zwar nicht aus, aber einige User*innen sind nicht einverstanden:

Facebook-Ballett
(Quelle: Screenshot Facebook)

Für Leser Julian gehen Spitzensport und Leid Hand in Hand. «So lange es Spitzensport geben wird, wird es auch ein Leid der Sportler*innen geben», schreibt er uns per Mail. Allerdings gibt er zu bedenken: «Die Zuschauer*innen wollen regelmässig die «Besten» sehen. Und um der/die Beste zu sein/werden, wird es immer Menschen geben, die bereit sind, ein gewisses Mass an Schmerz und Leid hinzunehmen.» 

Julian fragt sich auch, wie gesund Spitzensport überhaupt sein könne. «Gerade im Kindesalter kann hier auch kaum von Freiwilligkeit der Sportler*innen gesprochen werden.» Er sei aber skeptisch, ob «mehr Regulierung» – zum Beispiel mehr Aufsicht – wirklich zu einer Verbesserung führen oder sich das Problem nicht einfach verlagern würde.

Auch Leserin Yvonne nimmt die Zuschauer*innen in die Verantwortung: «Die Zuschauer müssten halt auch bereit sein, ganz normale Körper zu sehen und nicht nur abgemagerte Leichtgewichte...das würde das Ballett auf ein menschliches Niveau bringen und lebensnaher sein», findet sie.

«Ein Traum, für den man alles gibt»

Hört man sich bei Politiker*innen im Grossen Rat um, erklingen nüchternere Töne. So sagt zum Beispiel LDP-Grossrätin Catherine Alioth: «Ballett ist ein Leistungssport, eine der härtesten Ausbildungen, wo der psychische und physische Druck hoch sind. Auch in der Oper ist es nicht anders: Es ist ein Traum, für den man alles gibt.» Bei allem Druck gelte es aber, die «roten Linien» nicht zu überschreiten. Und auch SVP-Grossrätin Jenny Schweizer sagt: «Spitzensportarten laugen den Körper aus, das ist unbestritten. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, wissen, was sie ihrem Körper antun werden, dennoch sollten sie keine psychischen und physischen Grausamkeiten erfahren müssen.»

Jenny Schweizer
Jenny Schweizer, SVP

«Diejenigen, die sich dafür entscheiden, wissen, was sie ihrem Körper antun werden, dennoch sollten sie keine psychischen und physischen Grausamkeiten erfahren müssen.»

Sacha Mazzotti sitzt für die SP im Grossen Rat und ist selbst Theaterschaffende. Sie sagt, sie sei «immer wieder überrascht». Der Leistungssport sorge seit Jahren laufend für Negativschlagzeilen, «obwohl die Message doch längst bei allen Beteiligten und den verantwortlichen Gremien angekommen sein muss: so nicht! Aber offenbar kommt sie nicht an.» Die Politikerin ist indes überzeugt, dass die Ausbildung so ausgestaltet werden kann, «dass einerseits Exzellenz gefördert wird, andererseits der Schutz des Körpers und der Psyche gewährleistet sind.»

Luca Mazotti
Sacha Mazzotti, SP

«Die Message muss doch längst bei allen Beteiligten und den verantwortlichen Gremien angekommen sein: so nicht! Aber offenbar kommt sie nicht an.»

«Ist es nicht sowieso schräg, dass uns Sport einerseits als «gesund» verkauft wird, und gleichzeitig so viel Wert auf Leistung und Wettbewerb gelegt wird?», fragt Leserin Astrid auf Facebook. «Ich habe dutzende Sportarten ausprobiert als Kind, und jedes Mal aufgehört, weil ich auf Turniere oder Wettbewerb überhaupt keine Lust hatte. Der Schulsport hat sein Übriges getan.» Erst viel später habe sie die Freude an der Bewegung wiederentdeckt, ohne Ziel, ohne Druck.

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