Ma ville

Ehepaar und Geliebte zusammen im Grab

Karl Barth ist in Basel wohl den meisten ein Begriff. Doch waren die Frauen um ihn genauso relevant für sein Schaffen. Bajour-Kolumnistin Cathérine Miville macht sich über die Rolle von Barths Geliebter Charlotte von Kirschbaum Gedanken.

Markus Barth-Oswald (1915-1994) Theologe, Pfarrer, Professor. Familiengrab auf dem Friedhof H�rnli
Das Familiengrab auf dem Friedhof am Hörnli. (Bild: EinDao / Wikimedia)

Kennen Sie Charlotte von Kirschbaum? Nein? Verständlich. Ich kannte sie auch nicht, bis mir kürzlich eine befreundete Regisseurin von ihr erzählte. Sie war lange Jahre die Mitarbeiterin und Geliebte von Karl Barth, dem evangelisch-reformierten Theologen, welcher wiederum verheiratet war mit Nelly Barth.

Und über diese Dreier-Konstellation bereitet das Theater Ingolstadt gerade eine Uraufführung vor – erfuhr ich von meiner Freundin, sowie das: Ihr sei in der Geschichtsschreibung lange kein adäquater Platz eingeräumt worden, obwohl sie ganz wesentlich an Barths Arbeit beteiligt gewesen war. Typisch, kompetente Frau bleibt verborgen im Schatten eines grossen Mannes? Das Thema ging mir nicht aus dem Kopf, daher habe ich genauer hingeschaut.

Cathérine Miville
Cathérine Miville – Ma ville

Cathérine Miville ist in Basel geboren und aufgewachsen. Sie unternahm ihre ersten Karriereschritte am Theater Basel, später lebte sie lange Zeit in Deutschland, führte an verschiedenen Häusern und bei Dieter Hildebrandts Sendung «Scheibenwischer» Regie und leitete zuletzt als Intendantin das Stadttheater Giessen. Als vor drei Jahren Mivilles Vater, der Basler SP alt Ständerat Carl Miville-Seiler, starb, beschloss sie, nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Intendantin, wieder in Basel zu leben. In ihrer neuen Kolumne «Ma ville» wirft sie regelmässig einen genauen Blick auf das kulturelle Leben in der Stadt und reflektiert, wie sich Basel entwickelt hat.

Ich bin am Rennweg aufgewachsen, und auf dem Weg zum Trämli kam ich am Haus vorbei, in dem Barth viele Jahre lebte. Genau genommen an zwei Häusern: St. Alban-Ring 186 und 178. Mein Vater erzählte mir auf Spaziergängen immer Wissenswertes zur Historie von Liegenschaften. Gemerkt habe ich mir zu Barth, wie mutig der Schweizer Theologe, der Mitglied der SPD war, in Deutschland als Professor im kirchlichen Widerstand gegen die Nazis kämpfte. Er war Mitbegründer der Bekennenden Kirche und Mentor von Helmut Gollwitzer. In Carls Ausführungen kam der Theologe Barth etwas zu kurz. Er interessierte sich mehr für den demokratischen Sozialisten Barth. Und Charlotte kam auch bei ihm überhaupt nicht vor. Ob er von ihr wusste?

Meine alte Tramstation St. Alban-Ring heisst heute Karl Barth-Platz und in der Anlage steht ein etwas verbeulter Chrom-Zylinder, mit einer kurzen Biografie sowie einem Porträt von Barth. Was aber steckt hinter der Beziehung zu von Kirschbaum?

Karl Barth Basel
Etwas verbeult und Infos zu Charlotte von Kirschbaum fehlen. (Bild: Cathérine Miville)

Ab 1929 lebte das Ehepaar Barth über Jahrzehnte in einem gemeinsamen Haushalt mit Charlotte – sehr lange auch mit den fünf Barth-Kindern. Wie zerrissen die beiden Frauen in diesem Dreiecksverhältnis waren, kann man im Roman «Zu dritt» nachlesen: Kriegserklärungen, Friedensverhandlungen, Ultimaten – alles war geboten.

Der Autor Klaas Huizing beschreibt, wie die Ingolstädterin Charlotte von Kirschbaum als 21-Jährige Barth in Deutschland kennenlernte und rasch seine Sekretärin, Lektorin, intellektuelle Mitstreiterin sowie Geliebte wurde. Sie blieb jedoch nicht die heimliche Frau im Hintergrund. Die Beziehung wurde in der Familie und im Arbeitsumfeld offen gelebt. Huizing geht davon aus, dass Barths Werk ohne sie nicht oder zumindest nicht in dem Umfang möglich gewesen wäre. 

Der Roman erzählt diese schon sehr ungewöhnliche Dreiecksbeziehung durchmischt mit Zitaten aus Briefen und Notizen. Der collagenhafte Erzählstil macht die Trennung von Historischem und Fiktionalem nicht wirklich deutlich. Der Autor versichert im Nachwort : «… in relevanten Fragen blieben die biographischen Daten in Kraft», was ich nicht überprüfen konnte. Ich besuchte dann das Theaterstück.

«Um optimal arbeiten zu können, war Karl Barth überzeugt, brauchte er Charlotte von Kirschbaum an seiner Seite – weshalb alle dieses komplizierte Zusammenleben auf sich nahmen.» 
Dr. Peter Zocher, Archivar

Auf dem Weg nach Ingolstadt denke ich über die Lebensumstände dieser drei Menschen nach: Warum haben sie sich, und vor allem auch den fünf Kindern, das angetan? Wie brachte Barth die Beziehung mit den Regeln seiner Kirche oder seiner Schrift über die Ausschliesslichkeit der Ehe in Einklang? Und warum wurde über all die Jahre kein Riesenskandal aus der pikanten Geschichte gemacht? Barth war kein unumstrittener Mann. Er hatte nicht zuletzt durch seine klare Position gegen die Nazidiktatur auch in der Schweiz genügend Kritiker, die ihn darüber hätten diskreditieren können.

Im Theater Ingolstadt erlebte ich dann eine ebenso kraftvolle wie poetische Annäherung an das Zusammenleben von Charlotte und Nelly. In der Aufführung ringen die Frauen um einen zivilisierten Umgang miteinander. Aus Sicht der jungen Theaterautorin geht es den beiden wohl weniger um den Kampf gegeneinander, sondern vielmehr darum, sich sichtbar zu machen – für sich selbst und auch für andere.

Im Basler Karl Barth-Archiv – das weltweit einzige – erfuhr ich vom hauptamtlichen Archivar Dr. Peter Zocher, dass von Kirschbaum zweifelsfrei für Barths Arbeitsprozesse von erheblicher Bedeutung war. Er geht jedoch davon aus, dass sie keine eigenständigen Passagen für seine Werke formuliert hat – etwa, weil in seinen Manuskripten der «Kirchlichen Dogmatik» ausschliesslich seine Handschrift zu finden ist.

Mich beschäftigt die Frage, warum drei Menschen über Jahrzehnte in einer so komplexen Lebenssituation verbleiben. Zocher erklärt es so: «Oberste Priorität hatte in der Familie, dass Karl Barth optimale Arbeitsbedingungen hatte. Und um optimal arbeiten zu können, war er überzeugt, brauchte er Charlotte von Kirschbaum an seiner Seite – weshalb alle dieses komplizierte Zusammenleben auf sich nahmen.» 

Karl Barth legte testamentarisch fest, dass die Geliebte Charlotte mit ihm und Ehefrau Nelly im Familiengrab beerdigt werden soll. So liegen die drei nun gemeinsam auf dem Friedhof am Hörnli – mit Einverständnis von Nelly.

Mich hat diese Geschichte zu einer gedanklichen Reise angeregt und mir aus den verschiedenen Perspektiven unterschiedliche Wahrheiten präsentiert. Jetzt kenne ich Charlotte von Kirschbaum.

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