Nein zur Initiative, Ja zur Gleichstellung
Das Schweizer Stimmvolk will nichts von einer Dienstpflicht für alle – also auch für Frauen – wissen. Dafür hat die unbezahlte Care-Arbeit endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die ihr zusteht. Nun gilt es, das Momentum zu nutzen, kommentiert Valerie Zaslawski.
In der Schweiz soll es keine Dienstpflicht für alle geben. Am Sonntag wurde die Service-Citoyen-Initiative mit über 84 Prozent deutlich abgelehnt. Der Hauptgrund für die Ablehnung, dies zeigten bereits die Tamedia-Umfrage im Vorfeld der Abstimmung, ist die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen, die diese Vorlage hervorgebracht hätte. Denn: Eine Dienstpflicht auch für Frauen hätte deren Mehrfachbelastung zusätzlich erhöht. Da wirkte das Argument der Gleichstellung, welches von den Befürworter*innen ins Feld geführt wurde, wie eine Farce. Davon liessen sich letzten Endes auch die Männer überzeugen.
Das Gute an der Vorlage: In den vergangenen Wochen wurde deutlich aufgezeigt, dass hierzulande noch immer eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern herrscht. So liegt das Einkommen von Frauen durchschnittlich 43 Prozent unter demjenigen der Männer, eben auch weil sie nach wie vor einen grossen Teil der unbezahlten Arbeit übernehmen – dies im Wert von 322 Milliarden Franken – und deshalb weniger bezahlte Arbeit leisten (können). Eine Folge dieser Einkommenslücke ist die immense Frauenrentenlücke von rund 34 Prozent.
Care-Arbeit ist nicht weiblich, sie ist gesamtgesellschaftlich relevant, weshalb Haus- und Erziehungsarbeit partnerschaftlich gerecht aufgeteilt werden sollten.
Das Nein zur Initiative kann demnach als ein Ja zu mehr Gleichstellung interpretiert werden. Sprich: Unbezahlte Care-Arbeit sollte nun endlich besser verteilt werden, damit Frauen im Alter mit gleich hohen Renten rechnen können wie Männer.
Wie kommen wir dahin? Gearbeitet werden muss am Narrativ: Care-Arbeit ist nicht weiblich, sie ist gesamtgesellschaftlich relevant, weshalb Haus- und Erziehungsarbeit partnerschaftlich gerecht aufgeteilt werden sollten. Dafür müssen Männer als gleichwertige Betreuungspersonen sichtbar gemacht werden. Aber auch die Politik muss die nötigen Strukturen schaffen. Allem voran braucht es auch für Väter eine Elternzeit, die den Namen verdient, weil dadurch die Care-Arbeit erwiesenermassen auf Dauer ausgeglichener bleibt.
Politik aufschrecken
Auch der mit der Mehrbelastung der Frauen in Zusammenhang stehende Geburtenrückgang sollte die Politik aufschrecken. Und wir sollten uns daran erinnern, dass eine Gesellschaft Kinder braucht, rein wirtschaftlich betrachtet, um unseren Sozialstaat, insbesondere unser Rentensystem am Laufen zu halten, aber nicht nur, wie meine Kollegin Helena Krauser treffend formuliert: «Wir brauchen Kinder auch, weil sie uns auf den Boden der Tatsachen holen, weil sie uns Verbindlichkeit und Verantwortung lehren, weil sie uns die Konsequenzen unseres Handelns aufzeigen, weil sie die wirklich wichtigen Fragen stellen, weil sie uns das Leben spüren und die bedingungslose Liebe fühlen lassen.»
Die Schweiz hinkt in Sachen externer Betreuung anderen europäischen Ländern weit hinterher.
Deshalb muss die Vereinbarung von Beruf und Familie endlich einfacher werden; die Hauptlast darf am Ende nicht weiter bei den Frauen liegen. Dafür braucht es neben der gerechteren Verteilung der Care-Arbeit auch bessere familienergänzende Kinderbetreuung, sprich: Ausbau von Kitas und Tagesstrukturen, längere Öffnungszeiten, die zur Arbeitsrealität passen, sowie staatliche Subventionen, um Betreeungskosten zu senken. Denn: Nicht jede*r kann sich eine Nanny leisten. Die Schweiz hinkt in Sachen externer Betreuung anderen europäischen Ländern weit hinterher. Laut einer Unicef-Publikation (2021) zur Kinderbetreuung erreicht sie gerade mal Platz 38 von 41 untersuchten Ländern. Das muss sich ändern.
Und nein, der Staat muss es nicht alleine richten. Aber es ist ein Zusammenspiel aus privaten Entscheidungen und öffentlicher Verantwortung. Denn ein gerechtes Care-System, zu dem auch eine professionalisierte Care-Infrastruktur mit anständigen Löhnen gehört, kann nur entstehen, wenn Familien fair teilen, Arbeitgeber*innen familienfreundlich handeln und die Politik die nötigen Strukturen schafft.
Die Service-Citoyen-Initiative hat es demnach verpasst, Care-Arbeit für einen modernen Zivildienst adäquat mitzudenken bzw. sie vielleicht sogar als fixen Teil zu integrieren und ist dafür nun abgestraft worden. Wenn wieder einmal darüber diskutiert werden soll, wie zivilgesellschaftliches Engagement gestärkt werden könnte, sollte die Rechnung mit den Frauen gemacht werden.