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Der Krieg & ich

«Eugenia, ich habe keine Kraft mehr, Angst zu haben»

Anastasia entschied sich gegen die Flucht. Sie blieb bei ihrem Mann in Kyiv. Der Tod war nah, mittlerweile kann sie sogar wieder arbeiten.

05/19/22, 02:39 PM

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Nastia mit ihrem Hund.

Nastia mit ihrem Hund. (Foto: zVg)

Von allen meinen Freunden, über die ich bis jetzt geschrieben habe, kenne ich Anastasia am längsten. Im Freundeskreis nennen wir sie warm Nastia.

Nastia habe ich vor 17 Jahren während meines Studiums in Luhansk kennen gelernt. Wir haben im gleichen Studentenwohnheim gelebt und in der gleichen Tanzgruppe der Universität getanzt. Die Liebe zum Tanzen hat uns für lange Zeit verbunden. Das und auch unsere Herkunft – Donbas.

Schon damals habe ich mich für Literatur interessiert und Nastia für Fotografie. Ich erinnere mich daran, wie sie einen Fotoapparat für ihren ersten Photoshoot ausgeliehen hat und ich für sie zum ersten Mal posieren sollte. Nastia wollte fotografieren lernen und ich habe ihr gerne dabei geholfen. Damals, zurück in den Jahren 2005 bis 2008, haben wir viele verrückte Ideen realisiert und unsere Photoshoots am Bahnhof und anderen Underground Orten gemacht. Wir hatten unseren Traum, Kunst im Donbas von allen Seiten zu entwickeln. Ich mit Worten, Nastia mit Bildern. Oftmals passten sie zueinander.

Leider hatte das Leben seine eigenen Pläne. Im letzten Studienjahr ist Nastias Mutter plötzlich gestorben. Den Vater hatte Nastia bereits verloren, als sie noch Schülerin war. Sie war die Erste in meinem Freundeskreis, die so früh beide Eltern verloren hat. Es schien ein Albtraum zu sein. Und ich konnte es mir gar nicht vorstellen, dass ich die nächste sein würde, die nach einigen Jahren auch ohne Eltern bleiben wird.

Zur Zeit des Verlusts der Mutter hatte Nastia ihren Freund in Kyiv. Obwohl sie sich noch nicht lange kannten, hat er sie sofort zu sich genommen und so konnte Nastia aus der Distanz ihr Studium an der Luhansk Universität beenden. Sie hat sich so stark wie nie zuvor an das Fotografieren gehalten, viele Kurse besucht und ihre erste Kamera von ihrem Freund geschenkt bekommen. Sie suchte auch ganz fest Halt bei ihrem Freund. Oft sagte sie mir, dass er ihre ganze Familie geworden sei.

Nach meinem Studienabschluss habe ich mit einigen Programmen und Praktika im Ausland angefangen. Ich wechselte ständig die Orte, aber regelmässig habe ich Nastia in Kyiv getroffen, wann immer ich dort war. Und selbstverständlich haben wir bei fast jedem unseren Treffen einen Photoshoot gemacht. Diesmal brauchte Nastia die Fotos für ihr Portfolio, weil sie angefangen hatte, als Fotografin zu arbeiten. Dank ihr habe ich so viele wunderschöne professionelle Bilder. Sie ist meine Foto Fee.

Bald heiratete sie ihren Freund und diesmal war ich die Fotografin. Sie sagte, dass sie niemandem anderen anvertrauen könne, ihre Eheschliessung zu fotografieren, da ich ihre Vision schon gut kenne.

Nach einigen Jahren traf uns der nächste Schlag. Nach der Maidan Revolution in Kyiv und Annektierung der Krim wurde Donbas angegriffen. Von all unseren Freunden im Donbas, hatten nur Nastia und ich Pech: Unsere Heimatstädte wurden besetzt. Die Wohnung, das einzige Eigentum, das Nastia von ihren Eltern geblieben ist, musste sie den Separatisten abgeben. Wir waren sprachlos und konnten einander dabei so gut verstehen.

Am 24. Februar war Nastia mit ihrem Mann in ihrer vor kurzem gekauften eigenen Wohnung am Stadtrand von Kyiv. Als ich sie angerufen habe, sagte Nastia, dass sie definitiv zu Hause bleiben und nirgendwohin fliehen würden. Ihr Mann wollte auf keinen Fall die Stadt mit seinen alten Eltern verlassen. Er wollte nicht mal für kurze Zeit in die Westukraine fahren und abwarten. Und Nastia würde auf keinen Fall ihren Mann, ihre einzige Familie, zurücklassen. Sie war bereit zu sterben, aber nicht, allein zu fliehen.

«Ich kann gar nicht mehr schlafen. Ich schliesse die Augen und sehe all die getöteten Menschen. Warum kann das niemand stoppen?»

Nastia

Am Anfang war ich sauer deswegen. Ich hatte furchtbare Angst um sie und wollte, dass sie zu mir kommt. Sie antwortete, dass sie ohne ihren Mann nicht gehen wird. Und seine Entscheidung war definitiv. Das Einzige, was mir geblieben ist, war, mit Nastia Kontakt zu halten und ihr zuzuhören, wann immer sie einen Zusammenbruch hatte. Nicht einmal in den Keller wollte ihr Mann gehen. Er sagte, dass er nur in seinem Bett schlafen würde, selbst wenn er dort sterben sollte. Nastia ist mit ihm in der Wohnung geblieben und bekam Panikattacken. Die ganze Zeit über wurden Häuser in ihrer Nähe beschossen und Nastia hatte Angst, überhaupt einzuschlafen. Sie hat sich ein Bett im Flur improvisiert und über einen Monat dort auf dem Boden geschlafen. Ab und zu hat sie mir Bilder geschickt, die sie von ihrem Fenster aus gemacht hat.

«So sehen bei uns jetzt die Sonnenuntergänge aus. Zwei Schichten von Rauch.»

«So sehen bei uns jetzt die Sonnenuntergänge aus. Zwei Schichten von Rauch.» (Foto: zVg)

Von ihrem Fenster aus konnte sie den ständigen Beschuss von Irpin und Butscha sehen und sie von weit weg mit ihrer Kamera dokumentieren. Sie hatte noch keine Ahnung, was hinter dem Rauch und der Asche passiert war. Niemand von uns wusste es. Und als wir erste Nachrichten darüber bekommen haben, blieben wir beide wortlos und schockiert.

«Ich kann gar nicht mehr schlafen. Ich schliesse die Augen und sehe all die getöteten Menschen. Warum kann das niemand stoppen? Wir werden immer noch regelmässig beschossen. Ich zittere die ganze Zeit und habe schon fast alle Haare verloren.»

«Und dein Mann will immer noch nicht von Kyiv weg?»

«Nein. Ich darf nicht mal mit ihm darüber sprechen. Wir streiten uns nur deswegen und allein werde ich nicht wegfahren.»

«Noch nie habe ich den Tod so nah gespürt.»

Nastia

Ihr Mann setzte sich unter Druck und verspürte riesige Schuldgefühle gegenüber den Männern, die gekämpft haben. Er beschloss, innerhalb Kyivs und in den naheliegenden Dörfern freiwillig den Menschen zu helfen. Er hat das alte, halb kaputte Auto seines Vaters aus der Garage geholt, Produkte und andere notwendige Sachen den Menschen gebracht und manche von denen transportiert, die die Stadt verlassen wollten.

Er hat sie von Kyiv bis zum nächsten Punkt gefahren, wo sie später abgeholt wurden. Aber weiter ist er nie gefahren, ist immer nach Hause zurückgekehrt. Eigentlich nicht er allein, sondern sie beide. Nastia war bei jeder dieser Reisen dabei. Sie fror im kalten Auto ohne Heizung, bekam eine Erkältung und Fieber, aber liess ihn kein einziges Mal ohne sie fahren und half ihm dabei.

«Ich kann ihn nicht allein lassen. Wenn das Auto beschossen wird, oder eine Rakete das Auto trifft. Wenn er stirbt… dann will ich auch nicht leben. Ich sage dir, ich habe den Tod schon akzeptiert. Wir werden bestimmt bald sterben. Habe ich dir noch nicht erzählt, dass letzte Nacht eine Rakete das Hochhaus direkt neben unserem getroffen hat? Noch nie habe ich den Tod so nah gespürt. Jede Minute kann eine Rakete auch unser Haus treffen und ich habe keine Kraft mehr, Angst zu haben. Ich habe schon die Angst verloren und den sicheren Tod akzeptiert. Sie wollen uns alle töten und ich bezweifle, dass wir es überleben.»

Es ist immer schwierig und traumatisch, so etwas zu hören und mitansehen zu müssen. Und es wirft mich zu meinem Vater zurück, der sich genau so mit seinem Tod versöhnt hatte und nicht um sein Leben kämpfen wollte. Weil er sein Zuhause unter keinen Umständen verlassen wollte. Und es ist so verdammt schmerzhaft, das hinzunehmen. Auch diesmal musste ich erneut lernen, Nastias Akzeptanz des Todes zu akzeptieren und ihre Wahl zu respektieren. Ich habe ihr nur gesagt, dass sie jederzeit bei uns willkommen sei und dass ich ihr bei der Flucht helfen würde, falls sie sich dafür entscheidet. Sie ist aber treu bei ihrem Entscheid geblieben.

Zum Glück wird Kyiv viel weniger beschossen, seitdem die russischen Truppen Kyiv Oblast verlassen haben. Obwohl die Raketen immer noch ab und zu Häuser treffen, kehrt die Stadt langsam zum Leben zurück. Die Cafés und Restaurants sind geöffnet, Yoga-Trainer laden ihre Kunden wieder ein, sogar einige Fotostudios stehen für Photoshoots zur Verfügung. Und auch Nastia kehrt ganz langsam zu sich zurück. Sie nimmt ihre Kamera und geht in den botanischen Garten in Kyiv, um die blühenden Magnolien zu fotografieren. Damit macht sie einen Aufruf, dass auch sie als Fotografin wieder bereit ist, zu arbeiten. In den letzten Wochen hat sie schon drei Photoshoots gemacht, was man in der Kriegszeit gar nicht erwarten konnte, sagt sie mir.

Aber bevor sie zu ihrer Arbeit zurückgekehrt ist, hat sie mit ihrem Mann einen sehr wichtigen Entscheid getroffen: einen kleinen Freund vom Tierheim zu sich zu nehmen. Einen von denen, der während des Krieges zurückgelassen wurde. Sie wurden sehr sorgfältig von den Freiwilligen des Tierheims geprüft und nach einigen Tagen haben sie Bescheid bekommen, dass sie vertrauenswürdig sind, um sich gut um den süssen und erschrockenen Welpen zu kümmern.

Nastia teilt mit, dass ihr ganzes Geld, das sie von den Photoshoots bekommt für das Futter ihres neuen kleinen Freundes aufgeht. Sie erzählt, wie sehr die Preise in die Höhe geschossen sind, aber dabei höre ich endlich Freude in ihrer Stimme. Ich höre sie und frage mich, wer wen eigentlich gerettet hat? Der Kleine schafft es, Nastias Glückshormone zu beeinflussen. Es ist kein Wunder, denn auch meine Glückshormone steigen, wann immer ich die Bilder oder Videos von Nastia mit ihrem kleinen Freund bekomme.

Der kleine Glücksbringer.

Der kleine Glücksbringer. (Foto: zVg)

Ich schaue sie an, halte den Atem und wünsche mir, dass es so bleibt. Ich will nicht, dass neue Angriffe oder blinde Raketen dieses Glück und pure Freude zerstören. Das darf auf keinen Fall passieren. Das Leben und die Liebe müssen gewinnen.

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