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Der Krieg & ich

Wie ist es in der Kriegszeit ein Mann zu sein?

Viele ukrainische Männer verteidigen ihr Land. Eugenia Senik hat sich oft gefragt, wie sie sich fühlen. Und diejenigen, die nicht kämpfen?

05/13/22, 02:53 AM

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Diesen Text widmet Eugenia Senik den Männern. Dabei fokussiert sie auch auf diejenigen Ukrainer, die im Ausland leben.

Diesen Text widmet Eugenia Senik den Männern. Dabei fokussiert sie auch auf diejenigen Ukrainer, die im Ausland leben.

Bis jetzt habe ich ausschliesslich über meine Freundinnen geschrieben, die geflohen sind oder sich entschieden haben, in der Ukraine zu bleiben. Nun scheint es mir ungerecht, keine Männer in meinem Tagebuch zu erwähnen. Die Ukrainer, die das Land nicht verlassen können, oder die seit langem im Ausland leben, sind nicht weniger wichtig für eine Reflexion. Welchen Druck erlebt ein Mann, wenn in seinem Land ein Krieg ausbricht? Ich habe oft daran gedacht und ich kann es mir trotzdem nicht vorstellen.

Am 24. Februar wurden sofort alle wehrpflichtigen Männer und Reservisten einberufen. Als der Mann meiner Freundin früh am Morgen angerufen wurde, hat er keinen Moment gezögert und ist am gleichen Tag abgefahren. 

«Oleh ist so verantwortungsbewusst», – teilte mir seine Frau mit. «Der offizielle Brief wäre erst in einer Woche gekommen. Wenn er nur auf diesen Brief gewartet hätte, wäre er jetzt nicht zuvorderst an der Frontlinie. Er hat aber, ohne zu zögern, sofort seinen Rucksack gepackt und ist losgefahren.» 

Oleh war in der Gegend der kleinen Stadt Popasna im Luhansk Gebiet, die bitter umkämpft war. Sie wurde von den russischen Truppen bis auf die Grundmauern zerstört, einfach niedergewalzt, dem Erdboden gleich gemacht. Die Umgebung von Popasna war meiner Familie und mir nah, mein Vater wurde dort geboren. Für ihn war dieser Teil des Landes besonders wertvoll. Er fühlte sich immer unteilbar mit diesem Boden verbunden und deswegen würde er sich im Grab umdrehen, wenn er erfahren würde, was mit seiner Stadt passiert ist. 

Ich erkundige mich regelmässig bei meiner Freundin nach ihrem Mann und der Situation in Popasna. Oleh ist  einer von denen, der genau dieses Stück Land beschützt. Und mit den Nachrichten über die zerstörte Stadt wurden meine Sorgen riesig. Oleh und die anderen Soldaten haben überlebt. Sie mussten sich zurückziehen, aber sie haben es geschafft, ihr Leben zu retten. Ich war zutiefst erleichtert, obwohl die Kämpfe noch nicht zu Ende sind.  

Der Mut dieses Mannes und seine Bereitschaft, das Land zu verteidigen sind bewundernswert. Genau solche Männer verteidigen Mariupol, kämpfen an der Frontlinie im Donbas, oder in der Nähe von Charkiw. Und sie fallen als erste. Sie warten auf keine offiziellen Briefe, sie erfüllen einfach ihre Pflicht. Sie sind mutige Kämpfer, unsere Helden und Beschützer. Sie riskieren ihr Leben, damit die Ukraine überlebt, damit möglichst wenige Menschen sterben. Sie sind auch meine Helden. Weil ich sowas nie könnte. Auch wenn ich ein Mann wäre, würde ich nicht zu dieser Gruppe gehören. Das ist mir bewusst.

Sie sind auch meine Helden. Weil ich sowas nie könnte.

Eugenia Senik

Während man über ukrainische Soldaten neue Lieder schreibt, ihnen viele Kunstwerke widmet und sie vollkommen berechtigt preist, bleiben viele andere Männer zu Hause. Was fühlen sie? Ich kann es nur erahnen, denn der soziale Druck ist enorm. Es besteht die Gefahr, dass sie unter Druck kommen und dadurch, ohne es sich gut zu überlegen, an die Front  gehen, obwohl sie dafür nicht bereit sind. Sie könnten Helden werden oder nie mehr zurückkehren. 

Viele handeln konstruktiv: Sie helfen als Freiwillige und fahren sogar in die gefährlichsten Orte, um die nötige Hilfe zu bringen. Manche bleiben vor Ort und unterstützen die Bevölkerung mit Lebensmitteln. Manche arbeiten weiter in ihrem Bereich und unterstützen die Wirtschaft im Land, damit sie nicht komplett kollabiert. Sie beschützen ihre Häuser und wissen, dass man auch sie jederzeit mobilisieren kann. In dieser Zeit macht jeder alles, was er kann, obwohl ich dabei spüre, dass sie doch unter Schuldgefühlen leiden. Sie rechtfertigen sich und zeigen täglich in den sozialen Medien, dass sie auch helfen, dass sie nicht nichts machen. Sie machen Bilder von Menschen, denen sie Essen und Medikamente bringen, oder von Rechnungen, die zeigen, was sie alles für die Armee eingekauft haben.   

Während man über ukrainische Soldaten neue Lieder schreibt, ihnen viele Kunstwerke widmet und sie vollkommen berechtigt preist, bleiben viele andere Männer zu Hause. Was fühlen sie?

Eugenia Senik

Auch viele Frauen leisten Wertvolles für ihr Land, aber diesen Text möchte ich ganz den Männern widmen. Und dabei auch auf jene ukrainischen Männer fokussieren, die im Ausland leben. 

Als meine Schwester mit ihrer Tochter in Basel angekommen ist, besuchten wir gleich ein Treffen des Vereins Ukrainer in Basel. Sie hat dort unter vielen Frauen und Kindern einige Männer gesehen. Und das machte sie wütend. Meine Schwester musste ihren Mann in der Ukraine zurücklassen und das schmerzte sie sehr. Als sie diese Männer in Basel sah, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass sie schon lange vor dem Krieg hier lebten. Ich musste sie beruhigen und es ihr erklären. Und es gibt auch Männer, die das Land verlassen dürfen: Väter mit drei Kindern oder Männer mit Behinderungen. Was meine Schwester jedoch irritierte waren die jungen Männer. «Was machen die hier?» – sie schrie schon fast.  

Sie leben und leiden. Leise. 

Seit Jahrzehnten sprechen wir über die Gleichstellung der Geschlechter und diesmal scheinen die Männer unter dieser Ungleichheit zu leiden.

Eugenia Senik

Als die Russen früh am Morgen in die Ukraine einmarschierten, habe ich unter anderen einem guten Freund geschrieben, der seit einigen Jahren in Italien lebt. Es war mir wichtig, den Kontakt mit ihm zu erhalten, da wir in ähnlichen Booten sassen. Wir waren die Ukrainer im Ausland und es schien, dass nur wir die Schmerzen voneinander verstehen können. Leider waren in seinem Boot noch viel mehr Schuldgefühle als in meinem. Weil er ein Mann ist. Während diesen zweieinhalb Monaten des Krieges haben wir oft telefoniert. Er hat mir von seiner Arbeit als Freiwilliger erzählt und von der Hilfe für die Ukraine, die er und die anderen leisten. Und nur er kann mir beschreiben, was er in seinem Innersten fühlt.

«Mein Vater ist als Freiwilliger in die territorialen Verteidigungskräfte in unserem Dorf gegangen. Mein Bruder ist sofort von Polen, wo er zurzeit arbeitet, zurückgekehrt. Er hat 2014 gekämpft und es kam für ihn nicht in Frage, im Ausland zu bleiben. Und ich… ich fühle mich wie ein Loser. Mein Selbstwertgefühl ist so gering, dass ich mich kaum als Mann wahrnehme. Egal, wie sehr ich von hier den Ukrainern helfe und egal, wieviel Geld ich spende, es hilft mir fast gar nichts.» 

«Es geht gegen unsere Instinkte, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.»

Eugenia Senik zu ihrem Freund

Das tut mir sehr leid. Seit Jahrzehnten sprechen wir über die Gleichstellung der Geschlechter und diesmal scheinen die Männer unter dieser Ungleichheit zu leiden. Obwohl viel davon gesprochen wird, dass ohne eine starke Rückendeckung die Armee nicht stark sein kann, und dass im Krieg nicht nur die Soldaten kämpfen, sondern das ganze Volk, fühlen sich viele Männer trotzdem schuldig. Doch all diese Argumente wirken bei meinem Freund kaum. Bevor er auf die Idee kommt, in die Ukraine zu fahren, um zu kämpfen, habe ich ihn gefragt, ob er bereit sei zu töten. 

«Im Krieg stirbt man nicht nur, aber man tötet auch. Bist du bereit einen Menschen zu töten, auch wenn er dein Feind ist? Ich denke, es ist nicht so einfach wie du dir das vorstellst. Es geht gegen unsere Instinkte, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.»

«Ich verstehe es schon. Und mein Bruder sagt mir auch, dass ich gar nicht darauf vorbereitet bin. Und dass der Krieg schon vorbei sein wird, bis ich das Kämpfen und Schiessen gelernt habe. Meine Familie will, dass ich weiterhin in Italien bleibe. Ich unterstütze sie jetzt finanziell, auch meinen Bruder, der in der Ukraine für seine Frau und Kinder verantwortlich ist. Ich sage es mir jeden Tag, dass ich von hier viel mehr machen kann. Aber es hilft nur für kurze Zeit.»   

Einige Wochen später wurde der Vater meines Freundes mobilisiert und in die Nähe von Charkiw geschickt. Sein grosser Bruder bleibt immer noch in der territorialen Verteidigung in einem Dorf nahe Kyiv. Mein Freund hingegen hat einen Verein gegründet, um den Ukrainern sowie den anderen Geflüchteten in Italien zu helfen. Und ich frage immer noch ganz vorsichtig, wie es ihm geht.

«Es geht mir leider nicht viel besser. Ich gehe fast gar nicht aus dem Haus und arbeite wie verrückt. Ich fühle mich jedesmal den ukrainischen Soldaten gegenüber schuldig, wenn ich für einen Aperitivo ausgehe. Ich kann es nicht geniessen und mich kein bisschen freuen. Ich fühle eine unendliche Schuld. Und nicht nur das. Seit der Invasion macht mein Leben in Italien keinen Sinn mehr. Ich wollte hier Erfahrung sammeln, um sie später in der Ukraine zu nutzen und weiterzugeben. Ich fühlte immer den Faden, der mich mit der Ukraine verbindet. Diese Verbindung hat mich am Leben gehalten und motivierte mich, in Italien Arbeitserfahrung zu sammeln. Aber jetzt fühle ich, als ob dieser Faden zerrissen wurde und dabei meine Lebensenergie auch. Ich bin ein gesunder junger Mann und alles, was ich hier mache, ist so sinnlos und unwichtig im Vergleich mit den Problemen in der Ukraine.»

«Ich fühle mich jedesmal den ukrainischen Soldaten gegenüber schuldig, wenn ich für einen Aperitivo ausgehe.»

guter Freund von Eugenia Senik

Ich kann mir noch so viel Mühe geben, diese Männer in der Kriegszeit zu verstehen, aber es scheint, dass ich es nie vollkommen schaffen werde. Die Grösse ihrer Schuldgefühle und des Druckes, unter den sie sich selbst täglich setzen, werde ich nie im vollen Umfang nachvollziehen können.

Ich kann aber weiterhin zuhören, mitfühlen und trösten. Ich kann bei jedem Gespräch wiederholen, dass es in Ordnung ist, wenn man keinen kämpferischen Charakter hat. Dass man trotzdem eine wichtige Arbeit und Hilfe von dort aus leisten kann, wo man gerade ist. Und dass man sich dafür verzeihen muss und sich selbst erlauben sollte, kein Kriegsheld zu sein. Damit würde es einen Krieg weniger geben: den unsichtbaren, inneren Krieg. 

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