Sicherheit ist nicht verhandelbar
Eine fast verpasste Schifffahrt wird für Bajour-Kolumnistin Cathérine Miville zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Respekt bringen wir jenen entgegen, die für unsere Sicherheit verantwortlich sind?
Der Vogel Gryff bei schönstem Wetter zog wieder Tausende ins Kleinbasel. Sehr viele wollten den Tanz der drei Ehrenzeichen gleich mittags auf der Mittleren Brücke sehen und natürlich aus nächster Nähe.
Es ist immer wieder erfreulich, wie dieses so traditionsreiche Fest nach wie vor Jung und Alt begeistert. Aber es bringt die Stadt auch an ihre Kapazitätsgrenze – wie die Herbstmesse, die Weihnachtsmärkte oder die Fasnacht. Und so müssen Ordnungskräfte oft ihren ganzen Charme aufwenden, um Drängler*innen in Zaum zu halten. Was leider nicht immer positiv aufgenommen wird.
Cathérine Miville ist in Basel geboren und aufgewachsen. Sie unternahm ihre ersten Karriereschritte am Theater Basel, später lebte sie lange Zeit in Deutschland, führte an verschiedenen Häusern und bei Dieter Hildebrandts Sendung «Scheibenwischer» Regie und leitete zuletzt als Intendantin das Stadttheater Giessen. Als vor drei Jahren Mivilles Vater, der Basler SP alt Ständerat Carl Miville-Seiler, starb, beschloss sie, nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Intendantin, wieder in Basel zu leben. In ihrer neuen Kolumne «Ma ville» wirft die 70-Jährige regelmässig einen genauen Blick auf das kulturelle Leben in der Stadt und reflektiert, wie sich Basel entwickelt hat.
Am Wochenende war ich bei einer Sonderführung zum Abschluss der Ausstellung «800 Jahre Mittlere Brücke», die von der Christoph Merian Stiftung auf einem Rheinschiff organisiert wurde. Da es keine Möglichkeit für Platzreservierungen gab, war ich 15 Minuten vor Abfahrt an der Schifflände – wie vom Veranstalter empfohlen. Es war dann doch schon etwas früher Einlass und die Warteschlange bewegte sich bereits gemächlich die Treppe hinunter zum Landungssteg.
Unten angekommen waren vielleicht noch knapp ein Dutzend Menschen vor mir, als ein freundlicher Herr bedeutete, das Schiff sei nun voll besetzt, und er dürfe niemanden mehr einlassen, nicht einmal die Ehefrau oder Freund*innen der letzten, die gerade noch aufs Schiff gegangen waren. Auch durch freundliche und teilweise nicht so ganz freundliche Überredungsversuche liess er sich nicht umstimmen und meinte, er möchte seinen Job nicht riskieren.
Da nur zwei Nautiker eingeteilt waren, durften aus Sicherheitsgründen lediglich 250 Passagier*innen an Bord. Während Vertreter*innen des Veranstalters im Eingang ruhig klärten, ob und wie ganz rasch ein dritter Nautiker herbeigerufen werden könnte, ging in der Reihe die Moserei los: «Der soll sich doch nicht so anstellen», «macht sich mal wieder einer wichtig, nur, weil er ein Ämtli hat» «Sch… Sicherheitsbestimmungen!» tönte es aus der Gruppe.
Es ist gerade mal 24 Stunden her, dachte ich, seit ich in Mitten trauernder Menschen auf dem Marktplatz stand. Die gemeinsame Stille war wohltuend und ich war sehr froh, dass niemand das Wort ergriff, als die Glocken verstummten. In diesen Momenten ging es nicht um die Frage nach Verantwortung, nach der Verkettung fahrlässigen Verhaltens mit extrem unglücklichen Umständen und auch nicht um den Image-Schaden, den die Schweiz erleiden könnte. Die Gedanken waren ganz bei den Opfern, deren Angehörigen und bei den vielen Helfer*innen, die eigentlich unerträgliche Erfahrung nun verarbeiten müssen.
Beim Warten auf den Einlass kreisten meine Gedanken weiter: Wie gut, dass zumindest jetzt kurz vor der Fasnacht rasch reagiert wurde. Viele Cliquen sind sofort eigenständig aktiv geworden und haben ihre Sicherheitsvorkehrungen überprüft. Die Stadt hat darüber hinaus angekündigt, innerhalb von wenigen Tagen das Sicherheitskonzept für die Fasnachtskeller neu zu fassen. Es wurde ebenso bekannt, dass die gesamtschweizerisch für 2027 angedachte «Liberalisierung des Brandschutzes» in Basel-Stadt erst einmal auf Eis liegt.
Beides wird wohl mehrheitlich begrüsst, aber es gibt Stimmen, die vor «Überregulierung» warnen und dafür plädieren, auf die Eigenverantwortung der Betreiber*innen zu vertrauen. Auch ich bin gegen Generalverdächtigungen. Aber es gibt nun mal schwarze Schafe und die spielen mit dem Leben ihrer Kund*innen. Und dafür braucht es Regeln, die natürlich entsprechend durchgesetzt und regelmässig kontrolliert werden müssen.
Zollen wir den Menschen Respekt, die sich um unsere Sicherheit kümmern. Gestehen wir ihnen zu, dass sie es meistens einfach besser wissen.
Ich weiss aus Erfahrung im Theater, die Beschäftigung mit Sicherheitsbestimmungen, Brandschutzvorschriften und Evakuierungsplänen ist wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Wie oft habe ich mich geärgert, wenn der so ganz wunderbar schillernde Deko-Stoff nicht eingesetzt werden durfte, da er nicht B1-Brandschutzklasse konform war oder wenn Geländer in den grandios erdachten Bühnenraum hätten eingebaut werden müssen, selbst wenn diese seine schwebende Wirkung zerstört hätten. Not amused war ich, wenn mal wieder Ausstattungsteile, Stühle oder Kostümständer in Fluchtwegen zwischengelagert wurden, weil es schnell gehen sollte. Schneller geht das vielleicht – aber auch schnell daneben.
Die Sicherheitsbestimmungen für Theater sind – vollkommen zu Recht – extrem streng. Daher werden Sicherheitsfachkräfte, Arbeitsschutz- und Brandbeauftragte oft als störende Spielverderber*innen angesehen. Irrtum. Diese höchst kompetenten Fachleute ermöglichen doch erst, Veranstaltungen attraktiv und sicher zu machen. Wobei es schon auch situativ hilft, den gesunden Menschenverstand bei der Anwendung von Regelungen nicht gänzlich aussen vor zu lassen.
Zollen wir den Menschen Respekt, die sich um unsere Sicherheit kümmern. Es ist ihre Aufgabe und Verantwortung. Gestehen wir ihnen zu, dass sie es meistens einfach besser wissen.