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«Schon früh war da eine starke, liberale und demokratische Idee von der Ukraine» 

Die ukrainische Historikerin Olha Martynyuk blickt auf die ukrainische Geschichte zurück und erklärt, warum es falsch sei, von Russland und der Ukraine als Brudernationen zu sprechen.

Ina Bullwinkel

03/31/22, 08:14 AM

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Die Historikerin Olha Martynyuk floh von Kiew nach Basel.

Die Historikerin Olha Martynyuk floh von Kiew nach Basel. (Foto: Adelina Gashi)

Olha Martynyuk, geboren und aufgewachsen in der Ukraine, lebte nach der Scheidung ihrer Eltern  in Lwiw. Später, mit 18, zog sie nach Kiew. Bereits 2004 nahm sie als Studentin persönlich an den Maidan-Protesten teil, der sogenannten Orangen Revolution. Heute ist die Historikerin 36 Jahre alt.

Martynyuk hatte schon vor der Invasion Russlands geplant, nach Basel zu kommen, um hier ein wenig Zeit zu verbringen. In der vergangenen Woche musste sie die Ukraine Hals über Kopf verlassen. Vergangenes Jahr schloss sie ihren Postdoc in Geschichte in Basel ab, zuletzt unterrichtete sie Geschichte in Kiew. Sie lebt mit Ihrem Partner in Basel.

Olha Martynyuk sitzt im Bajour-Büro zum Interview. Neben ihr liegt ihr Smartphone, dauernd erreichen sie neue Nachrichten und Eilmeldungen aus ihrer ukrainischen Heimat. Sie entschuldigt sich für das ständige Klingeln: Sie dürfe nicht verpassen, falls sich ihre Eltern bei ihr melden. Das Handy ist momentan die wichtigste Informationsquelle und das wichtigste Kommunikationsmittel für die Menschen in der Ukraine und ihre Freunde und Verwandten im Rest der Welt.

Sie sind erst seit vergangener Woche in Basel. Wie lief Ihre Flucht ab?

An dem Tag, bevor das grosse Unheil begann, wollte ich eigentlich nach Basel fliegen. Ich war aber etwas zu spät dran, blieb im Stau stecken und verpasste meinen Flug. Also kaufte ich ein neues Ticket für Freitag. Das war natürlich ein dummer Fehler, am letzten Tag, an dem es noch sicher war zu fliegen, das Flugzeug zu verpassen. Aber am nächsten Tag, als ich evakuieren musste, waren zumindest meine Taschen schon gepackt. Innerhalb einer Minute musste ich entscheiden, mein Zuhause zu verlassen.

Warum mussten Sie weg?

Obolon, das Quartier in dem ich in Kiew lebe, ist zu einem extrem gefährlichen Ort geworden. Wir dachten anfangs, dass wenigstens die Vororte von Kiew sicher wären, da wo mein Vater lebt. Aber die Region ist jetzt zu einer Frontlinie des Krieges geworden. Meine anderen Verwandten sind geflohen, aber mein Vater ist geblieben.

Warum? 

Mein Vater ist sehr politisch. Er nimmt an jedem öffentlichen Protest teil und Ende der Achtziger Jahre, Anfang neunziger Jahre war er die erste Person, die in Kiew die ukrainische blau-gelbe Flagge aufgehängt hat. Es liegt also in seiner Natur, Widerstand zu leisten.

Ist er in Sicherheit? 

Niemand ist sicher. Dort, wo er wohnt, herrscht Krieg. Die Fotos, die ich von dieser Region sehe, sind schrecklich. Ich habe ihn eben gerade auf dem Weg hierher angerufen. Er sagt, dass er neue Geräusche wahrnehme und genau hinhöre. Wenn es leise ist, könne er nicht schlafen. Wenn er Schüsse hört, ist er dagegen beruhigt, weil er glaubt, das ist die ukrainische Armee, die sich verteidigt. 

«Niemand ist sicher»

Olha Martynyuk

Wie geht es Ihnen, wenn Sie das von Ihrem Vater hören?

Ich mache mir natürlich grosse Sorgen, obwohl ich relativ rational damit umgehe. Wenn ich die Nachrichten von explodierten Gasbehältern höre, ist das sehr traurig, aber ich muss nicht weinen. Anders ist es, wenn ich von einem Luftalarm in Lwiw höre, das ertrage ich nicht. Ich muss an meine Mutter denken, wie sie sich im Keller in Sicherheit bringt, diesen Stress erleben muss und ich bin hier in Basel und kann ihr nicht helfen. Und es erschreckt mich, dass mich die Bilder von verbrannten russischen Soldaten glücklich machen. Das ist ein seltsames Gefühl.

Sie sind sowohl Historikerin als auch persönlich betroffen. Wie geht es Ihnen mit den beiden Rollen?

Momentan fühle ich mich vor allem sehr schuldig. Ich weiss selbst nicht, warum. Denn wir wurden ja angegriffen. Wie konnte das passieren, wie hätte man das verhindern können? Die vergangenen acht, neun Jahre habe ich Geschichte für Bachelor-Student*innen unterrichtet. Ich musste viel darüber nachdenken, wie ich mich immer bemüht hatte, für alle historischen Ereignisse nicht allein Russland verantwortlich zu machen, sondern die Situation von mehreren Seiten zu betrachten. Jetzt denke ich, dass ich vielleicht kritischer auf Russlands Einfluss hätte blicken müssen, denn es gab auch viel Gewalt in der Vergangenheit.

Woher kommt der Wille der Ukrainer*innen zur Unabhängigkeit?

Von 1860 bis 1905 wurden Veröffentlichungen auf Ukrainisch von den Behörden des Russländischen Imperiums verboten. Es durfte lediglich ethnographisches Material auf Ukrainisch veröffentlicht werden, aber zum Beispiel keine Zeitungen. Aus diesem Grund wuchs die Ukrainische Nationalbewegung. Viele Menschen wanderten zu dieser Zeit aus, auch nach Genf und in andere Teile der Welt. Dort wurde die Idee einer ukrainischen Nation weitergedacht. Überlegungen zu Bürgerrechten insbesondere die Meinungsfreiheit, spielten in der ukrainischen Nationalbewegung eine wichtige Rolle. Für Ukrainer*innen ist es deshalb sehr wichtig, dass man alles sagen und veröffentlichen darf.

Warum haben sich Russland und die Ukraine in den letzten Jahren voneinander entfremdet?

Die Ukraine war ein wichtiger Teil der russischen Identität. Im späten 19. Jahrhundert stellte sich die entscheidende Frage, ob die Ukraine eine separate Nation ist oder zu Russland gehören soll. In der ukrainischen Nationalbewegung wurde viel über die Unterschiede der beiden Sprachen diskutiert, also wie sehr sich Ukrainisch nun von Russisch unterscheidet. Aber es ging auch um Selbstbestimmung: Wir wollten nicht unter Zensur leben, wir wollten nicht unter dem Zar leben. Schon früh war da eine starke, liberale und demokratische Idee von der Ukraine. 

Die Ukraine kämpft schon lange darum ihre Souveränität gegenüber Russland zu verteidigen. 

Russland und die Ukraine waren schon zu Zeiten der Sowjetunion ökonomisch abhängig voneinander. Bis heute sind die Gaspreise ein zentraler Punkt der ukrainischen und russischen Politik. Die Ukraine profitierte in den letzten Jahren von tiefen Gaspreisen, Russland verkaufte ihr Gas viel günstiger an die Ukraine, als an westeuropäische Staaten. 2004 erlebten die Ukrainer und Ukrainerinnen mit dem Maidan eine Revolution: Die Menschen erreichten ihr Ziel und bekamen freie demokratische Wahlen. Mit Viktor Yushchenko kam dann ein Präsident ins Amt, der sehr pro-Westen war. Und Russlands Reaktion darauf war: Warum sollten wir euch weiterhin so günstig Gas verkaufen, wenn ihr uns den Rücken zudreht?

Was hat das mit dem Gaspreis zu tun?

Der Gaspreis wurde immer als politisches Druckmittel eingesetzt. “Oh, ihr wollt zur NATO und zur EU? - Dann könnt ihr den Deal vergessen”, hiess es von Seiten Russlands. Aber die Ukraine hat inzwischen auch andere starke Partner, das Land hat sich stark verwestlicht. Die meisten Menschen sprechen auch Englisch. Russland ist nicht mehr unser bester Partner. Das kränkt Putin. 

«Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Migrationsbewegungen von Russ*innen in die Ukraine. Aber das bedeutet nicht, dass sie heute Putin befürworten.»

Olha Martynyuk

Es ist also kein ethnischer Krieg zwischen Russ*innen und Ukrainer*innen.

Nein. Obwohl Putin den Menschen ja weismachen will, dass es ihm darum geht, die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine zu beschützen. Es ist in seinen Augen eine «Friedensmission». Das ist absurd. 

Warum absurd?

Unsere Identitäten, unsere Herkunft, unsere Sprachen sind ein Gemisch. 98 Prozent meiner Studierenden in Kiew sprechen Ukrainisch und Russisch. Das ist normal. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu Migrationsbewegungen von Russ*innen in die Ukraine. Aber das bedeutet nicht, dass sie heute Putin befürworten.

Die Russ*innen in der Ukraine bilden aber eine Minderheit. Werden sie von der ukrainischen Regierung unterdrückt?

Die Ukraine ist offiziell kein mehrsprachiger Staat, wie zum Beispiel die Schweiz. Die Gesellschaft ist es hingegen schon. Alle Initiativen eine juristische Basis dafür zu schaffen, stösst auf Widerstand von proukrainischen Gruppen. Dabei beziehen sie sich auf die lange Geschichte der Unterdrückung der ukrainischen Sprache. Zum Beispiel dominierte bis in die 2010er die russische Sprache auch in der Ukraine den Buchmarkt und die popkulturelle Musikindustrie. Das änderte sich erst nach Einführung einer Quote nach 2014. Die Sprachdebatte ist aber politisch so stark aufgeladen, dass es bis heute keine gute politische Lösung für die Zweisprachigkeit gibt. 

Würden Sie von Brudernationen sprechen? Dieser Ausdruck fällt immer wieder in den Medien.

Ich bin diesen Ausdruck satt. 

Warum?

Was heisst «Bruder»? Sind die Schweiz und Österreich Brudernationen, weil sie eine ähnliche Sprache reden? Wir sind historisch miteinander verbunden, mehr nicht. Wenn es Brüder sind, haben sie sich längst voneinander entfremdet.

Haben Sie die Reaktionen und Sanktionen der Schweiz und dem restlichen Westen verfolgt?

Ja, aber nicht im Detail. Die Schweiz ist, wie die Schweiz nun mal ist. Das Problem ist das Konzept der Neutralität. Aber natürlich spielen die Handelsbeziehungen zwischen Russland und der Schweiz ebenfalls eine Rolle: 80% der russischen Rohstoffe werden über die Schweiz gehandelt. Verrückt, wenn man sich überlegt, wie klein die Schweiz und wie gross Russland ist. Die EU hat zwar einige Sanktionen gesprochen, sie reichen aber nicht. 

Warum nicht? 

Ich will mehr Sanktionen, ich will militärische Hilfe für die Ukraine. Alleine wird dieser Krieg schwierig zu gewinnen. Und wir können nicht die einzigen sein, die ihr Leben opfern für den Frieden auf der Welt. Ich finde, die Schweiz sollte nicht nur die Sanktionen der EU übernehmen, sondern sich auch überlegen, was sie selbst tun kann, um wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen. Ich bin im übrigen überhaupt nicht dagegen, dass man auch die Konten ukrainischer Oligarchen einfriert. Aktuelle Daten sprechen von einer halben Milliarden Schwizer Franken auf Schweizer Konten. Die Schweiz sollte proaktiver werden. Auch wenn das heisst, dass sie Geld verlieren würde. Diesen Preis sollte man zahlen können, wenn das dabei helfen würde, Russland zu schwächen. 

Was vermuten Sie wird als nächstes geschehen? Gibt es Grund zur Hoffnung, wenn die Rede von Friedensverhandlungen ist?

Putin ist gerne unvorhersehbar und sehr gut dabei. Wir wissen nicht, was als nächstes geschieht. Entscheidend könnte sein, ob Belarus sich an dem Krieg beteiligt und Russland unterstützt. Falls dann eine andere Partei sich der ukrainischen Seite anschliesst, wäre es vielleicht der Anfang des dritten Weltkrieges. Ich glaube nicht, dass die Friedensverhandlungen etwas bewirken. Es sind keine Friedensverhandlungen, sondern Verhandlungen. Die Ukrainer wollen diesen Krieg gewinnen. Der zivile Widerstand ist wahnsinnig stark. Ich denke nicht, dass Russland die Ukraine bezwingen wird. Putin denkt, es würde jemand in der Ukraine auf ihn warten. Aber das ist nicht so. Er kann das Land zerstören, aber sicher nicht die Ukrainer für sich gewinnen. Die ukrainische Bevölkerung will ihre Selbstbestimmung. 

Haben Sie vor, zurückzugehen?

Ich habe ein Flugticket für Mitte März, ja. Wenn es die Situation erlaubt, fliege ich zurück. Ich möchte meine Mutter sehen. Sie ist wahnsinnig gestresst und hat Angst. Und ich will meine Pflanzen giessen und Mascha treffen, um mit ihr Musik zu machen. 

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