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Der Krieg & ich

Das Meer der Schmerzen

Am 1. Juni bekam ich die Nachricht von meiner Freundin Olia, dass ihr Mann, Oleh Vorobyov, von dem ich schon in einem Beitrag erzählt habe, im Donbas an der Frontlinie getötet wurde. Es ist immer noch ein Schock für mich, weil ich ihn sehr gut kannte. Diesen Beitrag möchte ich Oleh und seiner Familie widmen.

08/02/22, 03:00 AM

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Olia trauert um ihren Mann Oleh, der im Krieg gefallen ist.

Olia trauert um ihren Mann Oleh, der im Krieg gefallen ist. (Foto: Facebook)

Ende Mai wurde Olia mit ihren Kindern von Strassburg in die Nähe von Paris geschickt. Nein, es war keine Sozialwohnung, wie ihr versprochen wurde, sie musste das Gesuch nochmal von Neuem beginnen. Dabei wurden sie zusammen mit anderen Ukrainer*innen im Nirgendwo untergebracht, wo es kein Internet, öffentlichen Verkehr oder warmes Wasser gab.

«Es ist furchtbar hier. Im Zimmer sind drei Betten, das ist alles. Auf dem ganzen Stockwerk gibt es eine Dusche für alle Bewohner und auch die nur mit kaltem Wasser. Zum Glück sind nur wir drei im Zimmer, die anderen teilen ein Zimmer mit fremden Leuten.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Mein Sohn ist autistisch und braucht ständige medizinische Betreuung. Nun, hier fahren keine Busse oder Züge. Man muss stundenlang zu Fuss bis zum nächsten Dorf gehen, um dort den Bus zu nehmen. Mit meinem Sohn ist das gar nicht möglich.»

Wir haben Olia versprochen, dass wir sie und ihre Kinder von dort wegholen. Wir überlegten uns kurz, wo Olia einige Monate wohnen könnte, auch wenn sie keinen Status S mehr bekommt, weil sie bereits in Frankreich registriert ist. An der Frontlinie im Donbas, wo sich ihr Mann gerade befand, hatte sich die Situation von Tag zu Tag verschlimmert. Unter diesen Umständen konnte sie nicht in einem Stall wohnen, das war uns klar. Sie brauchte die Unterstützung von Menschen, die für sie da sein können. Wir haben uns vorgenommen, diese Menschen zu sein.

Wir kauften noch schnell eine Matratze, damit alle drei einen Schlafplatz hätten, und vereinbarten den Zeitpunkt ihrer Ankunft in der Schweiz. Wir waren bereit und warteten nur, bis Olia alles Nötige mit den Papieren in Frankreich erledigt hatte. Doch an einem Nachmittag bekam ich ihre Nachricht: «Du hast es vielleicht schon mitbekommen. Oleh ist tot. Wir fahren nach Hause in die Ukraine.»

Ein Schlag. Tausende Gedanken und alle möglichen Gefühle überfluteten mich, als ob plötzlich ein Damm gebrochen worden wäre. Ein Absturz in die totale Leere und dumpfe Stille. Ich bin ins Meer der Schmerzen gefallen. Wo es nichts ausser Leid gibt.

Oleh schwarzweiss

Oleh Vorobyov hatte viele Interessen. Er war Physiker, spielte in einer Band, lief Marathon, lernte Psychologie und war ein Spezialist für hochwertige Tee- und Kaffeesorten. (Foto: Facebook)

Was sagt man einer Frau, die so brutal ihren Mann verloren hat und ihre Kinder den Vater? Dass es mir sehr leid tut? Hilft es überhaupt? Muss man in einer solchen Situation sprechen? Es wäre besser, sie zu umarmen, zusammen zu weinen und zu schweigen. Nun war Olia mit den Kindern schon auf dem Weg in die Ukraine. Alle ihre Freunde haben sich zusammengetan, um ihre Reise zu organisieren und sie auf dem Weg zu begleiten. Sie war nicht allein, das war die einzig gute Nachricht.

«Warum tut es so schrecklich weh? Ich habe schon so viele Tode erlebt und jedes Mal tut es trotzdem so furchtbar weh. Warum gewöhnt man sich nicht daran? Warum gibt es keine Impfung gegen Verlustschmerzen? Es ist unerträglich», – fragte ich beunruhigt meinen Freund. 

«Unser Leben und alles, was wir im Leben machen, ist  das Gegenteil des Sterbens. Wir machen alles, um nicht zu früh zu sterben. Deshalb tut es uns so weh, wenn jemand, der uns nahe steht, stirbt. Vor allem so früh.»

Dabei war uns beiden bewusst, dass unsere Trauer nur winzige Tropfen im Vergleich zu Olias Meer der Schmerzen sind. Ich konnte mir kaum vorstellen, was Olia und ihre Kinder durchleben mussten.

Oleh war ein liebenswürdiger Mann. Olia und Oleh waren eines der glücklichsten Paare, die ich in der Ukraine kannte. Er war ein Physiker, daneben machte er Musik in einer Band, lief Marathon, lernte Psychologie gemeinsam mit seiner Frau und war ein Spezialist in hochwertigen Sorten von Tee und Kaffee. Damit hatten die beiden sogar einen Onlineshop. Oleh beschäftigte sich mit seinen Kindern und zusammen mit Olia unterstützte er Paare, die Eheprobleme hatten. Diese Initiative haben sie «Glücklich zusammen» genannt. Und so waren sie. Ich war oftmals Zeugin ihres gemeinsamen Glücks.

Dann kam der Krieg in die Ostukraine. Er war einer der Ersten, der 2014 in diesen Krieg gegangen ist. Danach engagierte er sich sehr, den Veteranen zu helfen. Nur zu gut wusste er, was sie nach dem Krieg durchmachen mussten. Und selbstverständlich war er einer der Ersten, die schon am frühen Morgen des 24. Februar den Rucksack gepackt hatten und losgefahren sind, ihr Land zu verteidigen.

Seitdem waren Olia, ihre Kinder, Verwandte, Freunde und Bekannte in einer ständigen Spannung. Man wusste, dass es jederzeit passieren kann. Es ist Krieg und er war ganz vorn, in  einem der schlimmsten und gefährlichsten Gebiete. Aber es gab jeden Tag die Hoffnung, dass er überlebt, dass ein Wunder passiert, und er nach Hause zurückkommen wird. Das war leider nicht der Fall.

Fast zwei Monate sind Olia und ihre Kinder in der Ukraine geblieben. Nur damit die Beerdigung stattfinden konnte, mussten sie zwei Wochen auf einen DNA-Test warten. Sein Körper war völlig verbrannt, sodass man ihn nicht erkennen konnte. Danach begann ein bürokratischer Albtraum. Olia musste auf jedes einzelne Papier ewig lange warten. Sie musste die  Papiere sammeln und alles, was mit dem Tod des Mannes zu tun hatte, erledigen. Sie wollte so schnell wie möglich zu ihrer Schwester nach Amerika. Endlich hatte  sie die Erlaubnis und das Visum bekommen, zu ihrer Familie nach Texas zu reisen. Sie wollte keine Flüchtlingslager mehr durchgehen müssen, sie wollte endlich irgendwo ausatmen und überhaupt alles verarbeiten können, was passiert ist. 

Auf dem Weg nach Amerika ist sie noch einmal nach Strassburg gekommen, um alles zu erledigen und sich beim Sozialamt abzumelden. Wir wollten sie unbedingt sehen, sie schweigend umarmen und ihre Trauer für einen kurzen Tag teilen.

Und die Trauer war enorm. Als wir Olia früher in Strassburg besuchten, oder als sie mit den Kindern zu uns nach Basel kam, war sie sehr besorgt und gestresst, aber dabei hatte sie Hoffnung, die ihr immer wieder die Kraft gab. Sie behielt das Handy immer nahe bei sich für den Fall, Oleh könnte eine Verbindung finden und sie anrufen oder eine kurze Nachricht schicken. Sie fühlte einen starken emotionalen Kontakt zu ihm, auch wenn er sich einige Tage gar nicht gemeldet hatte.

«Wenn ich weinte, sagte er, dass ich jetzt mit ihm weinen darf, später müsste ich alleine weinen.»

Olia über die letzten Telefonate mit ihrem Mann Oleh.

«Ich machte mir Sorgen, aber im Innersten wusste ich, dass er lebt. Er hatte eine sehr schlechte Internetverbindung und auch das nur an bestimmten Orten. Ich wusste, dass es ihm nicht immer möglich war, uns zu erreichen. Aber am 31. Mai war es anders. Ich bin aufgewacht und keine Nachricht wartete auf mich. Ich versuchte, diesen emotionalen Kontakt mit ihm zu spüren, aber es gab keinen. Es war Leere. Es gab nichts. Und ich habe sofort alles verstanden.

In der Woche bevor er gestorben ist, hat er mit den Gesprächen begonnen, dass er bald sterben werde. Ich habe immer geweint und hatte fast Angst bei jedem Anruf, dass er wieder darüber sprechen wird. Und er hat darüber gesprochen. Er wollte mich, so weit er konnte, für das Leben ohne ihn vorbereiten. Er wollte vieles erledigen, damit es mir dann ein wenig einfacher geht. Und als ich dabei geweint habe, sagte er, dass ich jetzt mit ihm weinen darf, später müsste ich alleine weinen.

Jetzt im Nachhinein bin ich ihm unendlich dankbar für diese Gespräche. Sie haben mir tatsächlich geholfen. Zum Beispiel wollte er mir unbedingt die Freiheit geben, noch mal zu heiraten, falls ich einen anderen Mann in meinem Leben haben möchte. Er hat sich so sehr um mich gekümmert, dass ich auch jetzt seine Fürsorge fühle. Es ist so seltsam, aber ich fühle seine Präsenz sehr stark. Und seine Liebe.»

Olia wird eine ukrainische Flagge überreicht als Andenken und als Zeichen der Anerkennung der Dienste, die ihr Mann als Soldat fürs Land geleistet hat.

Olia wird eine ukrainische Flagge überreicht als Andenken und als Zeichen der Anerkennung der Dienste, die ihr Mann als Soldat fürs Land geleistet hat. (Foto: Facebook)

Die Kinder haben es jedes auf seine Art und Weise verarbeitet. Der Sohn konnte es am Anfang kaum akzeptieren und hatte seine Emotionen sehr stark durchlebt. Die ältere Tochter verschloss sich vollkommen. Sie rannte weg, wenn jemand darüber sprach oder fing an zu weinen. Sie musste die Prüfungen für die Uni bestehen, nur konnte sie das kaum und musste eine Pause einlegen.

«Mein Sohn hatte die schlimmsten Bilder im Kopf. Er sagte, dass uns niemand mehr beschützen kann, und alle können uns von jetzt an beleidigen und verletzen. Er wiederholte, dass wir auf der Strasse leben werden, weil der Vater nicht mehr da ist. Ich musste ihn überzeugen, dass ich da bin und dass ich uns alle beschützen werde.

Jetzt muss ich immer stark sein, auch wenn es nicht stimmt und ich mich so schwach und verloren fühle. Ich darf nicht vor meinem Sohn weinen, sonst bekommt er eine Panikattacke. Ich muss mich also immer zusammenreissen. Und ich sage dir ehrlich, ich habe ein totales Blackout. Ich weiss nicht, wie wir überleben werden. Oleh hat immer am meisten verdient. Ich arbeitete teilweise und habe mich um die Kinder gekümmert. Auch wenn ich ununterbrochen arbeiten werde, werde ich es nie schaffen, genug für uns alle zu verdienen. Ich weiss nicht, wie unser Leben weitergehen wird. Ich habe keine Antworten.

Als Oleh an der Front war, hat er mir immer wieder gesagt, dass das Leben ein Weg sei. Es sei nichts anderes als ein Weg. Und jeder hat seinen eigenen, unwiederholbaren Weg. Ich denke jetzt, dass unser Weg immer bergab geht. Und dass ich immer rennen und rennen muss, ohne zu stoppen. Wenn ich nur anhalte, fallen wir alle. Die Kinder brauchen Stützen, die Eltern von Oleh brauchen Stützen, auch sein Bruder. Ihnen allen geht es so schlecht. Ich brauche auch Stützen, aber ich muss ihnen Unterstützung geben. Sonst fallen wir alle in ein schwarzes Loch.»

«Diese Wunde wird für immer mit mir bleiben. Es wird immer schmerzen. Mein Leben lang. Ich habe es schon akzeptiert.»

Olia über den Verlust ihres Mannes Oleh

Olia hat mir erzählt, wo Oleh genau war und was passiert ist. Er war für ein Militärspital an der Front im Donbas verantwortlich. Dieses Spital war 15 km von der Frontlinie entfernt. Sie wurden ständig beschossen, weil Einheimische ihre Lage den Russen verraten hatten. Es war gefährlich, dort zu bleiben, doch ihre Nähe zur Front sicherte sofortige medizinische Hilfe für die verwundeten Soldaten. Hier konnte man viel mehr Leben retten. Oleh war für die Sicherheit des Militärspitals zuständig. In Gesprächen mit Olia versicherte er ihr, er sei bereit zu sterben, damit seine Kameraden überlebten. Und so kam es auch.

Die Russen haben dieses Spital ständig mit Raketen beschossen. Sie trafen hier und da, aber nie konnten sie das Gebäude ganz zerstören. Am 30. Mai ist Oleh vor dem Mittag ins Esszimmer gegangen, um etwas zu prüfen. In der Mittagspause trafen die russischen Raketen genau dieses Esszimmer. Es gab viele Verletzte, aber Oleh war der Einzige, der gestorben ist. Gleich danach wurde befohlen, diese Lage zu verlassen und sich zurückzuziehen. Alle von seiner Kompanie haben überlebt. Alle ausser Oleh.

«Jemand musste sterben, damit es endlich klar geworden ist, dass es viel zu gefährlich war, dort zu bleiben. Und es war mein Mann. Als ob es ihm die ganze Zeit selbst klar war. Als ob er sich das selbst als seine Mission in diesem Krieg ausgewählt hätte.

Und ich… Ich habe keine Wut oder Hass den Russen gegenüber. Ich habe eine unendliche Trauer und ein Meer der Schmerzen. Aber überhaupt keine Wut. Auch Oleh hasste Russen nicht.

Ich weiss auch, dass diese Wunde für immer mit mir bleiben wird. Es wird immer schmerzen. Mein Leben lang. Ich habe es schon akzeptiert.»

Inzwischen ist Olia mit ihren Kindern bei ihrer Schwester angekommen. Ich denke ständig an sie und auch daran, dass solche Geschichten mehrmals täglich in der Ukraine passieren. Dutzende ukrainische Soldat*innen sterben jeden Tag im Kampf und die Zivilbevölkerung ist nicht mit eingerechnet.

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