Treffpunkt für alle Nasen

Als Renate Glaser vor 12 Jahren den kleinen Laden im Basler Lehenmattquartier als Wirtin übernahm, konnte sie nicht ahnen, dass diese Ecke dereinst Quartiergeschichte schreibt. Und dass dem Lokal «Nasenegg» und ihren Gästen eine Fotoausstellung gewidmet wird.

  • Renate vom Nasenegg mit Bananenpalme

    Das Nasenegg: Eine kleine grüne Oase in der Asphaltwüste.

  • Nasenegg: Eine kleine grüne Oase in der Asphaltwüste.

    Vorne die Beiz, hinten die Autobahn.

Nasenegg – woher der Name wohl stammt? Eigentlich dachte Renate Glaser zuerst an «Oase». Doch das war ihr dann trotzdem etwas gewöhnlich. «Nasenegg ist einmalig», sagt sie. Und es hat lokalen Bezug: gleich ums Eck ist der Nasenweg. Auf dessen Strassenschild wird, wie in Basel so üblich, die Erklärung gleich mitgeliefert: Nasen sind Karpfenfische. Vor 100 Jahren wimmelte es im Rhein davon. Ihre markante Nase verleiht ihnen etwas Neckisches. Alteingesessene wissen: Im Kleinbasel gab es früher mal eine Beiz namens Nasencasino. Da ging man am Sonntag hin und speiste Fisch an weiss gedeckten Tischen.

Im Nasenegg ist alles ein bisschen anders. Die ersten Jahre waren schwer für Renate, sie musste «unten durch», sagt sie. Zuvor war sie Geschäftsleiterin des Breite-Kiosks. Sie wollte sich selbständig machen und fand einen seit einiger Zeit leerstehenden Laden einer Kaffeemaschinenvertretung.

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Wirtin Renate. (Quelle: Christoph Läser)

Das Lokal atmet den Charme der 60er-Jahre. Wohn- und Hochhäuser rundum, in Sicht- und Hörweite eine der meistbefahrenen Autobahnen der Schweiz, eine Unterführung in Beton gegossen, meterdick. Doch vor dem Nasenegg sitzt die Kundschaft ganz gemütlich, raucht und plaudert. Das üppig spriessende Schilf spendet etwas Geborgenheit. Und zur Hauswand hin reckt eine beachtliche Bananenpalme ihre Blätter – etwas Exotik darf schon sein, auch im Lehenmatt.

Die «Nase», wie das Lokal von Insidern liebevoll genannt wird, ist eine unnachahmliche Mischung von Café, Bar, Resti, Kiosk und Aufenthaltsraum. Dank Renate Glaser konnte sich in den vergangenen Jahren eine sehr spezielle Stammkundschaft entwickeln. Renate hatte und hat für alle ein offenes Ohr, viel Verständnis für kleine und grosse Sorgen.

Fasziniert von dieser Gemeinschaft rund ums Nasenegg und den unterschiedlichen, spannenden Gesichtern und Geschichten reifte beim Fotografen Christoph Läser die Idee einer Porträtserie. Er hat vis-à-vis sein Fotostudio und macht beim Lokal immer wieder einen Zwischenhalt.

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Der Fotograf Christoph Läser in Action. (Quelle: Stefan Schuppli)

Über die Zeit entstand eine nachbarschaftliche Freundschaft: Renate empfängt Paketanlieferungen fürs Fotostudio und kocht hie und da Mittagessen für die Fotomodels. Überschüssiges Dekomaterial von Christoph landet im Schaufenster der Nase und bekommt dort ein zweites Leben. Bei der Gestaltung der Fenster führt Renate Glaser Regie, und alle paar Monate entstehen hier skurrile und witzige Auslagen.

Die Stammgäste des Nasenegg wagten nach und nach den Weg über die Lehenmattstrasse und vor die Linse im Fotostudio, heisst es in der Begleitschrift der Fotoausstellung, die ab der kommenden Woche im «Gärtnerhuus» des Schwarzparks zu sehen ist. So entstanden 16 hochformatige Schwarz-Weiss-Porträts. «Egal wer du bist» – das ist nicht nur der Ausstellungstitel, sondern gleichzeitig auch das Leitmotiv von Renate Glaser.

Ausstellung «Egal wer du bist»

Die Porträts der Nasenegg-Kundschaft sind im Gärtnerhuus im Schwarzpark ausgestellt. In der Ausstellung sind Ausschnitte aus Interviews mit ihnen zu hören. «Es sind Geschichten von Heimat und Fernweh, von Neuanfängen und Konstanz, von Liebe und Gewalt, von Hoffnung und Reue, von Ausgrenzung und Toleranz», schreiben die Autor*innen Fenja Läser, Lukas Künzli, und Lucien Haug in dem Ausstellungsbeschrieb.

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Ort: Gärtnerhuus im Schwarzpark, Gellertstrasse 133

Vernissage: Freitag, 25.8.2023 ab 18 Uhr

Öffnungszeiten: 26.8. - 1.9.2023, jeweils 15 - 19 Uhr | Eintritt frei, Kollekte

Die Schicksale der Menschen in der «Nase» sind grundverschieden. Heidy Alaganou hatte lange Jahre ihre beeinträchtigte Tochter gepflegt und lebte 20 Jahre in Afrika, wo sie bei Niamey, Niger, eine Schule mit 120 Schüler*innen aufbaute. Militante Islamisten der Boko Haram machten die Schule dem Erdboden gleich, Heidy musste in die Schweiz zurück. «Auf Anraten der Schweizer Botschaft» sagt Heidy im Gespräch mit Bajour. 

Nachdem sie kürzere Zeit in Benin war, kam sie abermals ins Lehenmattquartier zurück – und wieder ins Nasenegg. Die Rückkehrende wurde gefeiert. «Was willst du essen? Darfst wünschen!», sagte Renate zum Empfang. «Wo passiert einem das?» fragt Heidy. «Wie zu Hause!»

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Der zuversichtliche Max. (Quelle: Christoph Läser)

Auch Max Krüger ist Stammgast, als ehemaliger direkter Nachbar kennt er die Lokalität schon lange. «Es ist unkompliziert hier. Es kommen ganz verschiedene Leute, von jeder Altersklasse.» Max hatte -zig Jobs, auf dem Bau, als Magaziner, Chauffeur, Antennenbau, zwei bis drei Jahre Post… Die letzte Firma, bei der er arbeitete, ging Konkurs, jetzt ist er arbeitslos. Gleichwohl ist Max zuversichtlich. «Irgendwann geht wieder eine Türe auf. Fragt sich einfach, wann», meint er lakonisch.

Im Nasenegg sitzt auch Lhagpa gerne. Er ist seit Kindsbeinen in der Schweiz. Als er als kleiner Junge aus Tibet in die Schweiz floh, musste die Grenzpolizei sein Alter einschätzen – sein Geburtsdatum ist offiziell der 00.00.1956.

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Stammgast Lhagpa. (Quelle: Christoph Läser)

Eine ereignisreiche Geschichte hat auch Detlef. Er wurde in einem Rückwandererlager in Berlin Tempelhof geboren. Seine Jugend verbrachte er in Basel, lange arbeitete er bei der Roche und, kaum in Frührente, packte er seine Sachen und unternahm mit seinem Camper eine lange Reise nach Osteuropa. 

Ruedi ist wohl einer der ältesten «Breitlemer», er hat sein gesamtes 80-jähriges Leben hier verbracht. Er war im Vorstand des Quartiervereins und aktiv in einer Basler Clique. Nach 17 Jahren bei den «wisse Müüs» – so wurden die Polizeimotorräder genannt – wagte er einen Neustart als Wirt des Restaurants Lehenmatt.

Sie alle sitzen gerne bei Renate. Selbst während der Pandemie standen ihre Stammgäste solidarisch auf der Matte,  sie kamen pickelhart auch zur Winterzeit und nippten draussen vor der Tür bei Wind und Kälte an Pappbechern. Vom Staat erhielt Renate keinen Rappen Unterstützung, erzählt sie uns. Dank ihrer loyalen Kundschaft kam sie aber über die Runden.

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