«Mit weniger Wohnfläche wäre die 10-Millionen-Schweiz kein Problem»

Der Wohnflächenverbrauch in der Schweiz steigt seit 40 Jahren. Das braucht Platz und Energie. Die Politik scheut sich noch, in ihren Klimaplänen entsprechende Vorgaben zu weniger Flächenkonsum zu machen. Doch Ideen gibt es bereits.

Kleines Haus Tiny House
Wie viel Fläche brauchen wir zum Wohnen? (Quelle: Pixabay)

Tiny House. Das klingt schon so mickrig, so einengend. Der Begriff lässt Bilder im Kopf aufploppen von kauzigen Aussteiger*innen, die ihr Familienglück im energieautarken Mikro-Eigenheim suchen. Biederes, neo-bürgerliches Leben mit gutem Gewissen im Grünen. Ein gefundenes Fressen für SRF-Dokumentationen. Und die Erkenntnis von uns Zuschauer*innen: «So beengt könnte ich nicht leben.» 

Doch: Sollten wir es vielleicht? Denn es stehen bekanntlich multiple Herausforderungen an: Klimakrise, Wohnungsknappheit, Bevölkerungswachstum, demografischer Wandel. Wo soll der Platz für mehr Stadt und mehr Menschen herkommen, wenn die Stadt schon zugebaut ist? Und wenn Bauen eine Klimasünde ist? Wäre weniger Wohnraum (und damit weniger Energieverbrauch) pro Person eine Lösung?

Die Nachhaltigkeitsforschung kennt einen Begriff, der sich ganz abseits des Diskurses über «Tiny-Housisierung» mit dem Thema Wohnflächenkonsum auseinandersetzt: Suffizienz. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «ausreichen». Bei Suffizienz wird die Debatte vom anderen Ende her gedacht. Nicht: Wie viel Platz brauche ich höchstens zum Leben? Sondern: Wie viel Ressourcen stehen uns überhaupt zu, um die endlichen Ressourcen unserer Erde nicht aufzubrauchen?

«Auf Bundesebene traut man sich hingegen noch nicht, das Wort Suffizienz in den Mund zu nehmen»

Axel Schubert, Experte Nachhaltige Raumentwicklung & Klimaaktivist

Auch wenn nicht so geläufig wie der Begriff Tiny House, weckt Suffizienz direkt ähnliche Assoziationen. Selbst in der Klimaschutzstrategie des Kantons, also quasi dem Fahrplan zu Netto-Null bis 2037 in Basel, wird auf das Risiko einer gesellschaftlichen Ablehnung hingewiesen, weil Suffizienz als «Einschränkung oder Verzicht wahrgenommen und damit negativ aufgenommen werden» könnte. 

Dennoch: Die Reduktion des Pro-Kopf-Flächenverbrauchs ist ein erklärtes Ziel der Klimaschutzstrategie. Wie genau dies umgesetzt werden soll, wird derzeit in der Fachstelle Klima des Kantons austariert. Allein dass diese Diskussion geführt werden kann, ist ein Achtungserfolg der Klimabewegung. «Auf Bundesebene traut man sich hingegen noch nicht, das Wort Suffizienz in den Mund zu nehmen», sagt Axel Schubert. Der Stadtplaner forscht an der FHNW zu nachhaltiger Raumplanung – und ist eines der bekanntesten Gesichter der Klimabewegung in Basel. 

Challenge for Future,  Initiative, Klima, Klimagerechtigkeitsintiative, Komitee, Basel, Riehen, Corona, Covid-19, © Photo Christian Jaeggi, 5. Mai 2020
Axel Schubert glaubt, dass wir über eine Reduktion der Wohnfläche diskutieren müssen. (Quelle: Photo Christian Jaeggi | christianjaeggi.com)

Schubert sieht viel Potenzial in einer Wohnflächenreduktion. Er macht ein Beispiel: «Im Sommer wurde viel über die Bevölkerungsprognose einer 10-Millionen-Schweiz bis 2040 geredet. Um eine 10-Millionen-Schweiz zu stemmen, brauchen wir mit dem heutigen Schnitt an Wohnflächen noch knapp 50 Millionen m2 zusätzlichen Wohnraum. Gelänge es, nur schon in Bestandsbauten die Wohnflächen auf 35 m2 pro Kopf zu reduzieren, würden 100 Millionen m2 frei werden.» Zum Vergleich: 1980 lebten Schweizer*innen durchschnittlich auf 34 m2.

Ohnehin besteht heute ein Trend hin zu Singlehaushalten. Und dieser Trend hat meherer Gründe: «Heute gibt es mehr Scheidungen, mehr Student*innen, mehr ältere, verwitwete Personen», sagt der Zürcher Immobilienprojektentwickler Niels Lehmann. «Und viele Investor*innen bauen grosse Wohnungen, weil es auch genug Eigentümer*innen gibt, die sich das leisten können.» Konsequent ist der Flächenverbrauch in der Schweiz auf rund 46 m2 gestiegen (in Basel verharrt er übrigens seit zehn Jahren bei rund 42 m2, dem zweittiefsten Wert der Schweiz). Da würde eine Reduktion auf 35 m2 einem Verzicht gleichkommen. Oder doch nicht?

Forscher Axel Schubert glaubt, dass diese Diskurse geführt werden müssten:«Suffizienz bedeutet nicht primär, den Gürtel enger zu schnallen. Das führt zu individuellen Schuldgefühlen und Rückzug», sagt er. Es gehe nämlich gar nicht in erster Linie um ein Kappen der Bedürfnisse, nur weil die individuelle Wohnfläche reduziert wird, «sondern darum, wie heutige Bedürfnisse durch andere ersetzt werden können».

2023-11-22 Frage des Tages-1
Und? Wärst Du bereit, in eine kleinere Wohnung zu ziehen?

Wenn es darum geht, selbst den Wohnraum zu verkleinern, wird es auf einmal ernst: Auf wie viel Fläche will man leben, wie viel Freiraum will man sich zugestehen? Genau das wollen wir von dir wissen: Könntest du dir vorstellen, in eine kleinere Wohnung zu ziehen? Stimm ab in unserem Poll und nimm an der Diskussion zur Frage des Tages teil.

Zur Debatte

Das heisst: Der Komfort, den wir 2023 leben, muss durch Wohnflächenreduktion nicht verloren gehen. Dafür gibt es erfolgreiche Beispiele in Basel, sagt Axel Schubert, die flächenreduziertes und gleichwohl hochwertiges Wohnen vereinen. Er nennt jüngere Wohngenossenschaften wie «Zimmerfrei» oder das Lena-Haus. Statt viel individueller Wohnfläche gibt es dann halt pro Gebäude Gemeinschaftsräume: Bibliotheken, Kantinen, eine grosse Küche, gemeinschaftliche Terrassen, laute Werkstätten und leise Lese- oder Yogaräume.

Doch Niels Lehmann ist skeptisch, dass sich die Wohnflächen-Problematik so in den Griff bringen lässt: «Die meisten Menschen sind ja nicht mal bereit, Wohngemeinschaften zu bilden.» Zumal eine neue Analyse der Immobilienexpert*innen Wüest & Partner zeigt, dass in den vergangenen Jahren wieder mehr Wohnraum in der Schweiz gemeinsam genutzt wird. Ein Wertewandel sei dies allerdings nicht, so die Expert*innen, sondern ökonomischer Zwang: Die hohen Mieten liessen gerade jungen Menschen kaum eine Möglichkeit, alleine eine Wohnung zu finanzieren.

«Geht viel vom Einkommen für die Wohnungsmiete drauf, sinkt der Wohnflächenbedarf», erklärt auch Forscher Axel Schubert. «Doch darum Mieten zu erhöhen, wäre nicht sozialgerecht.» Steigende Mietpreise haben darüber hinaus auch einen hemmenden Effekt darauf, dass Schweizer*innen ihre Wohnsituation verkleinern, wie ein aktueller Artikel im Tages-Anzeiger zeigt. Bestandsmieter*innen sparen, indem sie nicht in eine kleinere, aber dafür teurere Wohnung umziehen.

Die Zürcher Kantonalbank kommt in ihrer Analyse des Wohnungsmarkts zum Schluss: «Wer vor 25 Jahren im Kanton Zürich in eine 4-Zimmer-Wohnung gezogen ist, würde heute für den gleichen Mietpreis nur noch eine 2-Zimmer-Wohnung finden.»

Auf der Suche nach einer günstigen Wohnung?

Damit du selbst nicht lange suchen musst, tragen wir hier für dich freie, preisgünstige Wohnungen in Basel zusammen. Jede Woche klappern wir für dich Genossenschaften, Stiftungen und Wohnungsinserate ab. Jeden Mittwoch wird die Liste aktualisiert.

Freie Wohnungen

Wie lässt sich bei diesem Dilemma überhaupt eine Wohnflächenreduktion erreichen? Entsprechende politische Instrumente hat das Bundesamt für Wohnungswesen gemeinsam mit der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt bereits 2016 in einer Grundlagenstudie analysiert.

Es gäbe durchaus wirksame Massnahmen, um den Wohnflächenkonsum zu steuern, erfährt man dort – Belegungsvorschriften pro Wohnung, Wohngrössen-Vorgaben oder ein Wohnflächensparbonus beispielsweise: Pro Quadratmeter Wohnraum muss eine Abgabe erhoben werden. Wer auf wenig Fläche wohnt, erhält einen Bonus zurück.

Alle diese Massnahmen werden in der Studie dann aber doch wieder verworfen – die Studienautor*innen zweifeln an der politischen Umsetzbarkeit und der gesellschaftlichen Akzeptanz der Massnahmen. Das sei ein Fehler, findet Axel Schubert. Er findet, dass auch weitergehende Massnahmen wie eine Lenkungsabgabe ähnlich dem Wohnflächensparbonus diskutiert werden müssten: «Bei ihrer Ausgestaltung müssen Effekte auf die Wohnfläche und weitere ökologischen Auswirkungen genau angeschaut werden. Hier stehen wir erst am Anfang einer wichtigen Diskussion. Insgesamt braucht es sicher einen Instrumentenmix.»

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