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Neue Augen auf die Stadt

Station 2: Schmiedehof – Isaak Iselin oder eine kritische Stimme

Jeden Tag gehen wir an Gebäuden in Basel vorbei, die in der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus eine Rolle spielten. Was versteckt sich davon in den Innenhöfen? Wir spazieren durch die Stadt und machen als Nächstes Halt am Rümelinsplatz.

10/08/20, 04:15 AM

Ehrenmann, würde man heute wohl sagen: Die Statue von Isaak Iselin im Schmiedenhof.

Ehrenmann, würde man heute wohl sagen: Die Statue von Isaak Iselin im Schmiedenhof.

Der Bajour-Spaziergang «Neue Augen auf die Stadt» beleuchtet verschiedene Basler Schauplätze des Sklavenhandels und des Kolonialismus. Station 1 brachte uns zum Segerhof, wo sich eine Basler Familie einrichtete – und im internationalen Sklavenhandel mitmischte.

Wenige Gehminuten vom Segerhof entfernt treten wir auf den Rümelinsplatz, wo sich Spielwarengeschäfte und Boutiquen aneinanderreihen. Ein unscheinbarer Durchgang und eine steile Treppe führen uns zum Schmiedenhof. Wir betreten einen kleinen, schmucken Innenhof und tauchen ein in die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Hier steht auf Pflastersteinen, in der hohen Häuserschlucht jeden Weitblicks beraubt, die Statue eines Mannes, der seiner Zeit voraus ist: Isaak Iselin. Der Jurist und Philosoph setzt sich unermüdlich für die Gleichberechtigung ein – auch privat. Die Schulbildung seiner Töchter liegt ihm genauso am Herzen wie eine gleichberechtigte Ehe. Auch die Sklaverei ist ihm ein Dorn im Auge. 

Kritik am kolonialen System

Iselin, der um 1756 zum Stadtschreiber von Basel gewählt wird, spricht sich in seinen Schriften immer wieder gegen Intoleranz und nationale Beschränkung aus. Gemeinsam mit anderen Geistesgrössen seiner Zeit kritisiert er das koloniale System. In den «Ephemeriden der Menschheit», die 1780 erscheinen, schreibt er: «Einige geschickte Männer haben sich Mühe gegeben, die Sklaverey zu rechtfertigen, und dasjenige, was dagegen gesagt worden ist, für ein verächtliches philosophisches Gebelle zu erklären, und die Anmassungen der Herren über ihre Sklaven als geheiligte Rechte vorzustellen.»

Und weiter: «Diese widerlegte Herr Abbé Febué, und er zeigt, dass keiner der Gründe, die man zur Vertheydigung dieser vorgeblichen Rechte angiebt, die Stärke habe, welche man ihm zuschreibt. Er prüft einen nach dem anderen, und, nachdem er alle entkräftet hat, fordert er die Europäer auf, dem Beispiele der tugendhaften und gerechten Einwohner von Pensylvanien zu folgen, und nach ihrer weisen und menschenfreundlichen Politik, nur freye Hände zur Anbauung ihrer gesegneten Ländereyen zu brauchen. Wir stimmen ihm von Herzen bey [...].»

«Iselin ging nicht von verschiedenen Rassen, sondern von der Einheit der Menschheit aus – wenngleich mit einer Wertung verschiedener Kulturen.»

Sundar Henny, Historiker

Diese Betonung der gleichen Rechte für alle ist auch im Zeitalter der Aufklärung keine Selbstverständlichkeit. Die grossen Denker(*innen) der damaligen Zeit proklamieren zwar die Menschenrechte, nicht alle verstehen sie aber universell und machen auch gewisse Unterschiede zwischen den menschlichen «Rassen» aus.

Anders der Basler Philanthrop. «Iselin ging nicht von verschiedenen Rassen, sondern von der Einheit der Menschheit aus», sagt Sundar Henny, Historiker der Universität Bern, der sich intensiv mit Iselins «Geschichte der Menschheit» auseinandergesetzt hat. Kulturelle und sittliche Unterschiede erkläre Iselin vielmehr durch unterschiedliche Entwicklungszustände.

Auch Iselin wertete die Kulturen

«Das Beharren Iselins auf der Einheit des Menschengeschlechts bedeutet aber nicht, dass er nicht klar gewertet hätte und höhere, also entwickeltere, von niedrigeren, weniger entwickelten Kulturen unterschieden hätte», wendet Henny ein. Doch glaubt Iselin immerhin an die Möglichkeit einer Entwicklung – wenngleich er eine Antwort auf die Fragen, wie diese Entwicklung denn in Fahrt komme und weshalb gewisse Kulturen entwickelter seien als andere, schuldig bleibt.

Folgt man dem Blick Iselins vom Sockel herab, weist er den Weg zu einer Tür. Es ist der Eingang zur heutigen GGG – der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel, deren Mitgründer er ist. Die Institution setzt sich laut Eigenbezeichnung noch heute für Chancengleichheit und Menschenwürde ein.

Die nächste Station unserer Serie (Teil 3) führt uns zum Faeschhaus...und zu zwei Basler Männern, die als Wissenschaftler und als Liebespaar Erfolge feierten – indem sie an anderen Menschen Vermessungen vornahmen.

Zur Autorin: Simone Krüsi ist Germanistin, Ethnologin und Balkanwissenschaftlerin.