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Auto-Drama zum 1000sten

«Parkieren in Basel ist eine Katastrophe»

Die Linken wollen Parkplätze und Blechkisten eliminieren. Was fällt grünen Verkehrsplaner*innen zu Leuten ein, die wirklich aufs Auto angewiesen sind?

09/06/21, 02:14 AM

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Minutenlang umher fahren auf der Suche nach einem Parkplatz – das kennen viele Basler*innen.

Minutenlang umher fahren auf der Suche nach einem Parkplatz – das kennen viele Basler*innen. (Foto: giphy.com)

Das Auto ist ein ewiges Reizthema in Basel. Die Linke findet, es sei jetzt langsam mal gut mit den Blechkisten, die nur rumstehen und Platz einnehmen. Die Bürgerlichen hingegen sagen, es habe zu wenig öffentliche Parkplätze.

Der Freisinnige Daniel Seiler, Vorstand im ACS beider Basel und damit Unterstützer der Initiative «für erschwingliche Parkgebühren», etwa meint: «Das grösste Problem bei der Parkplatz-Politik in der Stadt ist, dass Rotgrün überhaupt schon gar nicht anerkennen will, dass wir in vielen Quartieren einen Parkplatznotstand haben.» Es gebe nun mal Menschen, die aufs Auto angewiesen seien.

Sprechen wir also mit diesen vielzitierten Ausnahmen, die ein Auto brauchen. Wir wollten von den Menschen hören, die sagen, ohne Auto geht es nicht, und haben in der Gärngschee-Community nachgefragt: Wer von euch ist auf ein Auto angewiesen? Und wie löst ihr die Parkplatz-Frage?

Anschliessend wollten wir vom umweltbewussten Verkehrsclub Schweiz (VCS) wissen, was sie diesen Leuten für machbare Mobilitätstipps mitgeben können, die über ideologisches Wunsch- und moralisches Solldenken hinausgehen.

Eine kleine Kategorisierung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit ergab folgendes Bild:

Lo Schneider braucht das Auto, weil:

Job mit Bereitschaftsdienst

So hat sie sich geholfen: Tiefgaragenplatz

Lo Schneider kann beim besten Willen nicht ohne Auto. Sie arbeitet in einer ambulanten Wohnbegleitung. «Wenn in der Nacht ein Notruf kommt, bin ich auf das Auto angewiesen.» Ansonsten könne sie nicht unter 20 Minuten vor Ort sein. Das Parkieren in Basel empfindet sie als «sehr mühsam». So mühsam, dass sie inzwischen einen Tiefgaragenplatz für ihr Auto angemietet hat.

Tagsüber, wenn sie beruflich mit dem Auto in Basel unterwegs ist, leidet sie aber immer noch unter dem Parkplatzmangel. Dann suche sie «entweder ewig einen Parkplatz – die verlorene Zeit kostet den Arbeitgeber. Oder ich muss für den Parkplatz bezahlen». Das sei umständlich.

Ginge es auch anders?

Das sagt Lea Steinle vom Auto-kritischen Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) zu diesem Fall: 

«Wenn es vom Arbeitgeber verlangt wird, dass die Person mit dem Auto unterwegs ist, sollte er auch die Verantwortung übernehmen und vielleicht einen Dienstwagen stellen oder die Kosten für den Einstellplatz übernehmen. Auf der anderen Seite würde ich persönlich auch nachts das Velo nehmen. Die Spitex oder viele Hebammen machen ja z. B. auch alles mit dem Velo. Und teilweise ist man so auch schneller als mit dem Auto.

Es ist wohl so: Bei manchen Sachen kann man aufs Auto verzichten, bei anderen nicht. Eine Idee wäre, dass der Kanton unbürokratisch Daten sammelt, wer wo einen Parkplatz braucht um dann zu schauen, ob es irgendwo neue Gewerbeparkplätze braucht. Meistens sind es jedoch Privatautos, die die Parkplätze tagsüber in der Kernstadt belegen.»

Die aktuelle Parkplatz-Initiative

Am 26. September stimmt Basel über eine Initiative «für erschwingliche Parkgebühren» ab, lanciert aus dem freisinnigen Lager vom Automobilclub ACS. Die Initiant*innen fordern, dass der Preis für Parkkarten für Anwohner*innen, Besucher*innen und Pendler*innen wieder aufs Niveau vor 2018 gesenkt und die Differenz an die Autofahrer*innen rückerstattet wird.

Damals erhöhte die Basler Regierung den Preis für die Anwohner*innenparkkarte um 144 Franken, seither zahlen Autofahrer*innen 284 Franken pro Jahr für das Recht, in der blauen Zone im Quartier parkieren zu dürfen.

Jasmine Christ braucht ein Auto, weil: 

Arbeit im Schichtdienst/Pendlerin

So hat sie sich geholfen: Fahrgemeinschaft und Garagenstellplatz

Jasmine Christ lebt in Saint-Louis und pendelt nach Basel. Sie wusste sich nicht anders zu helfen: Sie hat eine Fahrgemeinschaft mit ihren Kindern gegründet, weil sie alle im Schichtdienst sehr früh oder sehr spät arbeiten.

Der ÖV ist für sie keine echte Alternative. Mit dem Auto sparen sie im Vergleich zwei Stunden pro Tag ein. Sie schreibt: «Ich arbeite unregelmässig und am Wochenende habe ich so früh, oder je nach dem so spät keinen Bus mehr.» Ihr Sohn müsse regelmässig um 6.15 Uhr in Liestal sein – mit dem ÖV würde er es nicht rechtzeitig schaffen.

Das Auto stellt Jasmine im City Parking am Unispital ab, für 195 Franken im Monat, schreibt sie. Das sei nicht billig, aber immer noch billiger als die Parkbussen. Galgenhumor. Von Parkkarten für Pendler*innen habe sie bisher nicht gewusst, sagt sie. Sie wolle jetzt probieren, eine zu beantragen, da sie mit 860 Franken im Jahr günstiger kommt als der Einstellplatz – um ganze 1’480 Franken.

Ginge es auch anders?

Das sagt Lea Steinle vom VCS: «Die ÖV-Verbindungen nach Saint Louis müssen besser werden. Helfen würden frühere und mehr Verbindungen. Mobilität kostet auch: Ein Abo für den ÖV kann sehr teuer sein, ein GA kostet etwa mehr als 300 Franken im Monat. Aber Saint-Louis ist nicht so weit weg und gute ÖV-Verbindungen wären wichtig.

Ich weiss, dass z. B. auch die Verbindungen von und nach Hegenheim sehr schlecht sind. Da müssten die Grenzregionen zusammen mit Basel-Stadt eine Lösung überlegen. In Lausanne z. B. gab es in den Randzeiten Taxen, die den ÖV ablösen. Für 5 Franken zusätzlich wird man dann direkt zum Wohnort gebracht, das ist ein zusätzlicher Luxus. Minibusse würden es vielleicht auch tun.»

Wer fährt in Basel Auto?

2020 gab es 61’988 gemeldete Pkw in Basel (inklusive Elektroautos). Bezogen auf die Einwohnerzahl besitzt etwa ein Drittel der Basler*innen ein Auto. Auf einen Haushalt kommen 0,61 Autos. Die Mehrheit hat also kein eigenes Auto.

Die Daten aus dem Mikrozensus von 2015 (leider gibt es keine aktuelleren Daten) zeigen, je mehr Mitglieder ein Haushalt hat, desto höher ist auch die Anzahl Autos. Was logisch ist, da Familien öfter ein Auto besitzen und Haushalte mit mehreren Einkommen sich eher ein Auto leisten können als eine Einzelperson. Wo wir auch schon beim nächsten Punkt wären: Je höher das Einkommen pro Haushalt, desto höher die Anzahl Autos.

Erhoben wurde beim Mikrozensus auch die sogenannte Tagesunterwegszeit, die angibt wie lange eine Person pro Tag mit einem bestimmten Verkehrsmittel unterwegs ist. Etwa 3,37 Minuten am Tag wendet ein*e Basler*in im Schnitt mit Pkw oder Motorrad für den Weg zur Arbeit auf.

In der Freizeit ist man länger motorisiert unterwegs: im Schnitt 8,27 Min. Das Auto wird also im Schnitt mehr für die Freizeit als für den Arbeitsweg gebraucht.

Insgesamt sind die Basler*innen durchschnittlich 17,15 Minuten pro Tag mit Auto oder Töff unterwegs. Mit anderen Worten: Für eine tägliche durchschnittliche Nutzung von unter 20 Minuten wird ein enormer Anteil städtischer Fläche genutzt, damit Autos die restlichen 23 Stunden und 40 Minuten das tun können, was Autos halt so tun. Stehen.

Fast jedes zweite Auto in Basel ist übrigens dauerhaft im öffentlichen Raum parkiert. Die Stadt weist diesbezüglich den zweithöchsten Wert aller Städte in der Schweiz aus.

Germaine Jorai braucht ein Auto, weil: 

Arbeit im Schichtdienst

So hat sie sich geholfen: Garagenplatz angemietet

Germaine steht mit dem Parkieren in Basel auf Kriegsfuss. Es sei ihr zu teuer – jedenfalls dafür, dass sie mit ihrem Auto nach einem langen Arbeitstag nur nach langer Suche einen leeren Parkplatz findet. «Ich arbeite teils bis drei vier Uhr morgens … da findet man keinen Platz mehr.» Weil sie die ewige Sucherei und den Stress vermeiden will, hat sie sich einen Parkplatz in einer Garage gemietet. Das lässt sie sich 160 Franken im Monat kosten. 

Ginge es auch anders?

Das sagt Lea Steinle vom VCS: «Parkings bieten ihre Plätze kostendeckend oder gewinnbringend an, deshalb sind diese erheblich teurer als öffentliche, die subventioniert werden. Die eigentliche Idee ist, dass die Anzahl an Autos in der Stadt abnimmt, das ist die Strategie von Basel-Stadt. Also wäre es vielleicht eine Lösung, die Parkkarten nach der Grösse der Autos zu berechnen. Dann würde es sich lohnen, ein kleineres Auto zu fahren.

Ich hätte auch nichts dagegen, die Kosten für die Parkplätze einkommensabhängig zu gestalten. Aber die, die sehr viel Geld haben, werden sich das immer leisten können. Man könnte es über eine Rückverteilung wie beim Energiesparbonus lösen, wo alle gleich viel zurückbekommen, aber nicht gleich viel einzahlen.»

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Saskia Schnittlauch braucht ein Auto, weil: 

Pferd im Elsass, Shopping in Baselland

So hat sie sich geholfen: Will aufs Land ziehen und mit Auto oder Vespa in die Stadt fahren.

Saskia hat keinen Bock mehr auf die Stadt. Wegen des Parkplatz-Problems orientiert sie sich in Richtung Baselland. Dort kauft sie eh viel lieber ein – wegen der besseren Parkiermöglichkeiten, wie sie schreibt. Auf das Auto sei sie angewiesen, weil sie ein Pferd im Elsass versorgen muss, und es dorthin keine ÖV-Verbindung gibt. Ohne Pferdestärke geht es also offenbar nicht.

Saskia nervt sich über die lange Suche nach einem Parkplatz und die hohen Kosten für die Parkkarte: «Parkieren ist in BS eine Katastrophe! Ich habe sehr oft gleich lange um einen Parkplatz im Quartier zu finden, wie die eigentliche Wegstrecke war.» Sie frage sich, was an einer 15-minütigen Parkplatzsuche umweltfreundlich sein soll. «Lieber mehr Parkplätze und die Leute können einfach parkieren, ohne lange durchs Quartier fahren zu müssen.» «Frech» habe sie die Verteuerung der Parkkarte gefunden.

Von Cargo-Velo und ÖV als Alternative will Saskia nichts hören. «Der ÖV nervt mich einfach: teuer, zu Stosszeiten Sardinenbüchse, im Sommer schweisselt jemand nebendran und man friert wegen der Klimaanlage und im Winter verläuft man wegen der voll aufgedrehten Heizung.» Fazit: Saskia ist fest entschlossen, aufs Land zu ziehen – dann würde sie mit dem Auto oder der Vespa zur Arbeit nach Basel kommen. Ob das ihr Parkplatz-Problem löst?

Ginge es auch anders?

Das sagt Lea Steinle vom VCS: «Es ist eine Frage der Prioritäten. Wer sich ein Pferd leisten kann, kann wahrscheinlich auch einen Platz im Parking bezahlen. Es wäre natürlich auch eine Möglichkeit, das Pferd in Allschwil oder woanders in Baselland abzustellen. Da kostet es aber wahrscheinlich mehr als im Elsass. Der Weg wäre aber je nachdem kürzer. Es wird noch viele Änderungen geben durch die Klimakrise – weitermachen wie bisher geht dann nicht mehr.»

Pro und Contra

Am 26. September stimmt die Basler Stimmbevölkerung über die «Initiative für erschwingliche Parkgebühren» ab. Was sind die Argumente der Parkplatz-Initiant*innen, was die der Gegner*innen?

Ayla Lautenschlager braucht ein Auto, weil:

ÖV für ganze Familie zu teuer

So hat sie sich geholfen: Eigenes Auto

Ayla macht einem Taxiunternehmen Konkurrenz. Wie sie schreibt, fährt sie sich selbst, ihre Mutter, ihre Grossmutter und ihre Tochter zu Terminen in der ganzen Stadt. Ihre Erkenntnis: Mit dem Auto ist es günstiger, als für alle die öffentlichen Verkehrsmittel zu zahlen. Parkplätze seien jedoch auch teuer, schreibt sie.

Ginge es auch anders?

Das sagt Lea Steinle vom VCS: «Hier ist die Kostenwahrheit nicht gegeben, weil das Auto eigentlich teurer ist als der ÖV. Die externen Kosten wie CO2-Ausstoss und Gesundheitsschäden sind nicht abgedeckt. Aber fossiler Verkehr wird immer noch massiv subventioniert und ist dadurch oft günstiger als der ÖV. Das ist absurd und sollte nicht sein.

In der Stadt kann man mit dem ÖV alles erledigen, das ist eine Frage der Organisation und Gewohnheit. Und es kommt darauf an, wie weit man fahren muss.»

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