Mehr als nur symbolische Konzernpolitik
Was bedeutet es, wenn die hiesigen Unternehmen für Trump ihre Vielfaltsziele streichen? Manche sorgen sich, dass das die geschlechtsspezifische Forschung gefährden könnte. Basel will mit Protest und Petitionen ein Zeichen setzen.
Diverse Zusammensetzungen in Gruppen sind gut für die Wirtschaft. Das weiss die Forschung schon länger. Eine Studie untersuchte beispielsweise 600 Business-Entscheide von 200 Teams – die Teams mit mehr Geschlechtern, Altersgruppen und Herkunftsorten kamen schneller zu besseren Ergebnissen.
Dennoch: Die Trump-Regierung in den USA sieht alles als überflüssig an, wo der Stempel «DEI» drauf ist – so nennt man in den USA Programme zur Förderung von Diversity, Equity (Gleichstellung) und Inklusion. Mit einem entsprechenden Dekret liess Trump alle diese Bestreben in der US-Verwaltung streichen – und das betrifft auch Firmen, die Verträge mit den USA haben. Wer weiter dort wirtschaften will, muss also mitziehen.
Entsprechend überarbeiten grosse Firmen mit relevanter Geschäftstätigkeit in den USA derzeit ihre Diversitätsprogramme – mit Folgen für die Schweiz. Novartis mit Hauptsitz in Basel wird keine diversen Kandidat*innenlisten mehr verwenden, wenn es um Positionen in den USA geht. Die Schweizer Grossbank UBS streicht die Frauenquote und lässt «DEI» im Geschäftsbericht unerwähnt. Und die in Basel ansässige Pharmafirma Roche streicht die Diversitätsziele gleich komplett.
Vor allem gegen Roche richtete sich deshalb zuletzt Widerstand: Die Basler Juso-Sektion protestierte bei der Generalversammlung gegen das Vorgehen. Am 31. März hinterliessen Aktivist*innen beim Roche-Hauptsitze Regenbogen-Tape und Transparente und kritisierten in einer Mitteilung den «Kniefall vor Trump». Und der Feministische Streik organisiert eine Petition, die die Verwaltungsrät*innen der genannten Firmen und den Kanton auffordert, sich zur Diversität zu bekennen.
Auch der Grossteil unserer Community zeigte sich bei der Frage des Tages unzufrieden damit, dass die Firmen so reagieren. Der ehemalige SP-Fraktionspräsident Stephan Luethi schrieb zum Beispiel, dass er sowieso nicht überzeugt gewesen sei, dass «in der Welt der Top-Shots der Anspruch an Vielfalt und Gleichberechtigung verwurzelt sei». Basta-Politiker Laurent Schüpbach ist ebenfalls nicht überrascht – und kritisiert das von der Basler Regierung wegen der OECD-Mindeststeuer geplante Standortpaket von 500 Millionen Franken an genau jene Firmen, «ohne jegliche Erwartungen zum Beispiel an Diversität».
Leser*in Michèle Meyer merkt an, dass der Trump-Entscheid in den USA durchaus auf Widerstand stosse – er wurde zuerst für gesetzeswidrig erklärt und dann aber von einem Appellationsgericht doch als zulässig befunden. Meyer wundert sich, dass die Konzerne, aber auch wir als Staat und Gesellschaft bereits jetzt die Gleichstellungsziele infrage stellen – lange, bevor man diese erreicht hätte.
Meyer verweist auch auf das kantonale Gleichstellungsgesetz in Basel. Um dieses gibt es schon seit langem ein Gezerre – es soll zu einer de facto Gleichstellung führen, nicht nur zwischen «Frau» und «Mann», sondern explizit auch für LGBTIQ-Menschen. Das Gesetz gilt allerdings «nur» für die Kantonsverwaltung, die Gemeinden und Träger*innen öffentlicher Aufträge – also nicht automatisch auch für die Wirtschaft. Michèle Meyer findet dennoch, dass es um mehr gehe als um symbolische Konzernpolitik – es gehe um unsere gesellschaftlichen Grundlagen.
«Dieser Entscheid geht über die Unsichtbarmachung von Geschlechterdiversität, Inklusion und Gleichstellung hinaus.»Franziska Stier, Basta-Parteisekretärin
Was der firmeninterne Entscheid realpolitisch bedeute und warum dieser materielle und existenzielle Folgen habe, nimmt Basta-Parteisekretärin Franziska Stier in den Fokus: «Dieser Entscheid geht über die Unsichtbarmachung von Geschlechterdiversität, Inklusion und Gleichstellung hinaus.»
Forschung und Entwicklung seien nämlich hauptsächlich auf cis-männliche Körper ausgerichtet. Stier nennt als Beispiele Endometriose, die starken Unterleibsschmerzen, bei deren Behandlung die Forschung noch nicht sehr weit ist. Oder Herzinfarkte: Die Sterblichkeit von Frauen ist höher, die geschlechtsspezifischen Risiken und Symptome sind hier nämlich weniger bekannt. Franziska Stier findet, dass es in der Medikamentenentwicklung Teams brauche, die das in den Blick nehmen.
Das Thema wurde vergangenes Jahr bereits im Grossen Rat behandelt, wo einige Grossrätinnen um Edibe Gölgeli (SP) einen Anzug eingereicht hatten, der ein Gender-Medizin-Institut fordert. Die Forderung wurde überwiesen und der Regierungsrat muss jetzt bis Ende 2026 überprüfen, ob ein solches in Basel entstehen könnte.
Medizinische Themen, die nur Frauen betreffen, finden noch zu wenig Beachtung, findet Heike Willi vom Unispital Basel. Im Interview klärt sie über Endometriose auf.
Einige Kommentator*innen bei der Frage des Tages stellen allerdings auch die Vielfaltsprogramme infrage. Leserin Annemarie Polak findet, bei Bewerbungsverfahren sollte man eine «Blinden-Brille» aufsetzen und rein nach Fachkönnen entscheiden. Die Mitte-Grossrätin Andrea Strahm findet ebenfalls, dass nicht das Geschlecht ausschlaggebend sein sollte, sondern fachliche und soziale Kompetenz. Doch: «Vielleicht braucht es diese Programme und Quoten, solange dies nicht alle kapiert haben.»
Kulturunternehmer Dan Wiener beschäftigt sich derweil ebenfalls mit der Frage, wie denn genau Vielfalt in einer Firma integriert werden kann. «Vielfalt ist im doppelten Sinne nice to have. Sie ist nicht pflegeleicht.» Vielleicht sei es deshalb auch populär, diese einfach zu ignorieren.
Auch der Regierungsrat wird sich bald mit der Frage befassen müssen. Michela Seggiani hat im Namen der SP eine Interpellation zum Thema eingereicht. Es geht darum, ob der Kanton Einflussmöglichkeiten auf die Firmen im Bereich Diversity habe – und inwiefern das Beibehalten von Diversitätskonzepten mit Anreizen gefördert werden könnte.