Mobilisieren mit dem «Dichtestress»

Seit Wochen schafft es das Thema Zuwanderung immer wieder prominent in die Schweizer Medien. Es ist von «Dichtestress» zu lesen und von Wohnungsmangel. Schuld sollen die Ausländer*innen sein. Stimmt das? Wir haben die Fakten gecheckt.

Bern Bahnhof Dichtestress
Gibt es zu viele Menschen in der Schweiz? Szene vom Hauptbahnhof in Bern. (Quelle: Sebastian Meier/Unsplash)

Momentan erscheint in den Schweizer Medien beinahe täglich eine Schlagzeile zum Thema Zuwanderung. Häufig nach demselben Schema: Die Migrant*innen werden gegen die Schweizer Bevölkerung ausgespielt nach der alt bekannten Erzählung «die nehmen uns was weg», Wohnungen zum Beispiel. Platz. Jobs. Geld.

Nur: Es stimmt häufig nicht. Das zeigt der neueste, vermeintliche Aufreger: Der Fall Windisch. Dort sollten angeblich 49 Menschen ihre Wohnungen verlassen, um Platz für Geflüchtete zu machen – so teilte es die SVP-Gemeindepräsidentin den Medien mit. Die Aufregung war schweizweit gross, allerdings taugt die Geschichte nicht zum Aufreger. Die Häuser sollten sowieso abgerissen werden, heisst es. Der Kanton Aargau fragte beim Eigentümer an, ob er die Gebäude für Geflüchtete zwischennutzen könnte. Heikel dabei: Der für die Zwischennutzung zuständige Regierungsrat gehört ebenfalls der SVP an und entschuldigte sich inzwischen bei den Mieter*innen. Diskussionen gab es noch dazu, wann der Entscheid zur Zwischennutzung gefällt und wann den Bewohner*innen gekündigt wurde. So oder so stand wohl schon länger fest, dass die Häuser abgerissen werden sollen. Die SP framt die Geschichte deshalb als Vernichtung von günstigem Wohnraum.

Einen ähnlichen Bericht gab es von hinter der Grenze, aus Lörrach. Mieter*innen erhielten per Post die Information, dass ihr ​​Gebäude bis zum Abriss in wenigen Jahren als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden soll und sie deshalb ausziehen sollen. Wie der viel kritisierte Bürgermeister klarstellte, sei der Abriss schon lange beschlossen und habe sich lediglich verzögert. Auch hier ist, wie in Windisch, eine Zwischennutzung angedacht.

Bei vielen Menschen kommt die ganze Wahrheit vermutlich aber nicht mehr an, ihnen wird fälschlicherweise im Gedächtnis bleiben, dass irgendwo Menschen wegen Geflüchteter aus ihren Wohnungen müssen. Die SVP (und auch die AfD in Deutschland) dürfte das freuen, sie konnte ihr Narrativ erfolgreich platzieren. Denn es ist klar: Je mehr sich die Bevölkerung über Geflüchtete aufregt, desto mehr Wähler*innenstimmen erhält die Partei im Herbst. Die jüngste Tamedia-Umfrage zeigt, dass die SVP-Propaganda zur Zuwanderung schon Früchte trägt: Die Partei befindet sich im Aufwind.

Nach diesen vermeintlichen Aufreger-Geschichten ist ein Faktencheck zu den Behauptungen rund ums Thema Zuwanderung angebracht. Zusätzlich gibt der Basler Demograf Hendrik Budliger vom Kompetenzzentrum Demografik eine Einordnung.

Bajour hat die journalistischen Medien und politischen Mitteilungen durchforstet und auf migrationspolitische Forderungen abgeklopft. Dabei haben sich folgende Behauptungen herauskristallisiert:

Behauptung 1: Der Wohnraum ist knapp, daran sind Zuwander*innen schuld

Schon im Sommer poppte das Thema in den Medien auf, am 9. Juli 2022 fragte die Sonntagszeitung: «Wo sollen die Leute alle wohnen?». Im Artikel haben SVP und FDP eine Antwort parat: Zuwanderung begrenzen. Im Artikel werden die Einwanderung zusammen mit dem erhöhten Raumbedürfnis pro Person als Gründe für den Mangel angeführt: «Die Menschen brauchen tatsächlich immer mehr Platz zum Wohnen, durch den Bevölkerungszuwachs wird das Problem aber zusätzlich verschärft.»

Im Januar dieses Jahres warnte nun SVP-Wirtschaftsminister Guy Parmelin in der Sonntagszeitung vor Wohnungsknappheit und zeichnet dafür zwei Haupttreiber verantwortlich: die Zuwanderung und die Haushaltsverkleinerungen sowie die demografische Struktur der Bevölkerung. Beide würden ähnlich stark wirken, aber die Haushaltsverkleinerungen hätten noch mehr Gewicht als die Zuwanderung, sagt der Wirtschaftsminister.

Blick auf ein Mehrfamilienhaus, links oben, an der Zelglistrasse in Windisch, aufgenommen am Freitag, 3. Maerz 2023. 49 Personen muessen bis Ende Juni ihre Wohnungen verlassen. Kuenftig sollen hier 100 Asylsuchende wohnen. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Die Menschen leben heute häufiger allein und auf mehr Quadratmeter.  (Quelle: © KEYSTONE / ENNIO LEANZA)

Faktencheck: 

Eine Studie von Raiffeisen Schweiz aus dem vergangenen Jahr zeigt laut Tamedia-Bericht, dass der demografische Wandel und der Hang zur Individualisierung den grössten Einfluss auf den Wohnraummangel haben –  und erst danach die Zuwanderung. 

Das bestätigt ein Blick auf die Entwicklung der Wohnfläche pro Person in Basel. Laut Statistischem Amt lag die Wohnfläche pro Einwohner*in 1980 noch bei 36,1 Quadratmeter, 1990 waren es bereits 39,3 und 2021 42 Quadratmeter. In Zürich ist die Entwicklung ähnlich. Die Menschen leben heute häufiger allein und auf mehr Quadratmeter. 

Die Immobilienberatung Wüest Partner sieht die Zuwanderung durchaus als Faktor für knapp werdende Mietwohnungen, macht daneben aber auch die abnehmende Bautätigkeit verantwortlich. Die Investitionen in Neubauten sind in den vergangenen Jahren laut Bundesamt für Statistik (BFS) sogar leicht gesunken, insgesamt stagnieren die Ausgaben im Baubereich.

Der Basler Demograf Hendrik Budliger prognostiziert jedoch, dass bald wieder mehr Wohnungen frei sind. Denn aktuell leben immer mehr 1- oder 2-Personen-Haushalte oder Ehepaare und Witwer*innen der Babyboomer*innen alleine in Einfamilienhäusern oder Familienwohnungen. «Spätestens wenn sie ins Altersheim gehen oder sterben, kommen diese Häuser und Wohnungen auf den Markt.»

Behauptung 2: Durch die Zuwanderung kommt es in der Schweiz zu Dichtestress

Nun ist er plötzlich wieder Thema in den Medien, der sogenannte «Dichtestress». Der Begriff stammt aus der Biologie. Er meint, dass zu viele Lebewesen auf begrenztem Raum leben und um diesen kämpfen müssen. Seit 2013 und 2014 macht der «Dichtesteress» immer wieder als Kampfbegriff die Runde: Schon damals behaupteten die Befürworter*innen der Masseneinwanderungsinitiative, die Schweiz leide unter Dichtestress, weil zu viele Einwander*innen ins Land kämen. 

Mit Erfolg, die Bevölkerung nahm die Initiative an. Interessant dabei: Am deutlichsten für die Initiative stimmten die Kantone, die am wenigsten dicht besiedelt sind. 

Faktencheck: 

Die Bevölkerung in der Schweiz wächst. Es leben doppelt so viele Menschen im Land wie Anfang des 20. Jahrhunderts. Das liegt auch an der starken Zuwanderung. 2021 registrierte die Schweiz 165’600 Einwanderungen (+1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Stärker als die Einwanderung hat laut BFS aber die Zahl der Auswanderungen zugenommen. Sie ist um 6,8 Prozent auf 116’800 gestiegen, davon waren 88’100 ausländische Staatsangehörige. In letzter Zeit gibt es mehr Asylanträge, 2022 stieg die Zahl um 64 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Gründe dafür sind unter anderem die Aufhebung der Reisebeschränkungen durch Corona und auch der Ukraine-Krieg. Und seit 2020 flüchten auch wieder vermehrt Menschen aus anderen Ländern, wie zum Beispiel Afghanistan und Türkei.

«Da 60 Prozent der Einwanderer*innen in der Schweiz aus Europa kommen, ist mit einem Rückgang der Zuwanderung aus diesen Ländern zu rechnen.»

Hendrik Budliger, Demograf

Nicht ganz neun (8,7) Millionen Einwohner*innen zählt die Schweiz heute. 2040 könnten es bereits mehr als zehn Millionen sein, prognostiziert der Bund. Die 10-Millionen-Schweiz wird nun bereits als Synonym für den angeblich drohenden Dichtestress benutzt. Nicht alle finden die Prognose jedoch plausibel, Demograf Hendrik Budliger nennt sie optimistisch und warnt gleichzeitig vor einem Bevölkerungsschwund. «Die Zahl der Erwerbstätigen in Europa sinkt bereits. Das liegt vor allem an der Babyboomer-Generation, die nun sukzessive in Rente geht und durch eine kleinere Generation ersetzt wird, die jetzt in den Arbeitsmarkt eintritt», sagt Budliger. «Da 60 Prozent der Einwanderer*innen in der Schweiz aus Europa kommen, ist mit einem Rückgang der Zuwanderung aus diesen Ländern zu rechnen.»

Gleichzeitig ist es plausibel, dass Dichtestress wahrgenommen wird, gerade in Städten. Etwa durch den in den vergangenen Jahrzehnten zugenommenen Auto- und Pendler*innenverkehr und die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Bud
Demograf Hendrik Budliger

Hendrik Budliger ist Gründer und Leiter von Demografik, einem unabhängigen Kompetenzzentrum in Basel für die Auswertung und Interpretation von demografischen Daten, mit dem Ziel, wirtschaftliche Auswirkungen zu beleuchten. 

Behauptung 3: Der Fachkräftemangel wird durch die Zuwanderung verstärkt

Die Zuwanderung federe den Fachkräftemangel keineswegs ab, behauptet SVP-Nationalrat Thomas Aeschi im Interview mit der NZZ. Im Gegenteil, der Fachkräftemangel werde durch die Zuwanderung sogar noch verstärkt. Kritisch hinterfragt wird diese Aussage nicht.

Man hole «mehr Leute als man braucht», sagt auch Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann der Sonntagszeitung. Wenn die Schweiz ihr Pro-Kopf-Einkommen durch die Einwanderung erhöhen wolle, so Straumann, müsste man gezielter rekrutieren, wie etwa Kanada oder Australien. Er sagt: «Bei uns ist die Immigrationsrate so hoch, dass die Zugewanderten durch die erhöhte Nachfrage nach Infrastruktur und Dienstleistungen automatisch einen neuen Fachkräftemangel verursachen.»

Diese erhöhte Nachfrage sorgt allerdings auch für Wirtschaftswachstum: Es müssten mehr Wohnungen gebaut, mehr Züge eingesetzt, mehr Kinder unterrichtet und mehr Abfall beseitigt werden. Den Lebensstandard hebe das nicht, kommentiert die Sonntagszeitung

Eine Anti-Zuwanderungskampagne befürwortet auch Andreas Thommen, Geschäftsführer von Ecopop, ein Verein, der sich gegen eine wachsende Bevölkerung einsetzt. Schon 2014 weibelte er für die Masseneinwanderungsinitiative und ist auch aktuell in den SVP-Wahlkampf involviert. Er findet das ausgeprägte Grenzgängertum in die Schweiz ein grosses Problem, das sei «nicht nachhaltig».

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Auch die Tourismusbranche hat ein massives Problem, Stellen zu besetzen. (Quelle: © KEYSTONE / GAETAN BALLY)

Faktencheck:

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Das hängt auch damit zusammen, dass es in der Geschichte des Landes immer wieder Phasen gab, in denen massiv Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland gebraucht wurden. Und auch heute gibt es nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern auch einen Arbeitskräftemangel in Teilen der Schweiz. Immer wieder ist von fehlenden Ärztinnen und Pflegefachpersonen zu lesen. Vor allem die Corona-Pandemie hat sichtbar gemacht, wie sehr das Schweizer Gesundheitssystem von ausländischen Arbeitskräften abhängt. Auch in der Gastronomie und in anderen Branchen fehlen Arbeitskräfte. Die Schweiz kann den Bedarf nicht selbst decken. Ein Blick auf die sinkenden Bevölkerungszahlen zeigt, dass es auch zukünftig nicht ohne Zuwanderung oder Grenzgänger*innen geht: die erwerbsfähige Bevölkerung schrumpft.

Der Zuwanderung habe die Schweiz zu verdanken, dass der Personalmangel hierzulande kleiner als in anderen Ländern ausfällt, sagt Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisenbank gegenüber der Handelszeitung. Die Zuwanderung sei ein wichtiger Puffer für den Schweizer Arbeitsmarkt. Davon zeuge auch die im Vergleich zur Eurozone niedrige Arbeitslosenquote.

Kann man sagen, dass die Zuwanderung den Fachkräftemangel befeuert? Fakt ist: Der Fachkräftemangel ist trotz Zuwanderung höher denn je, denn die Anzahl der offenen Stellen hat zugenommen. Man könnte also auch behaupten: Die Schweiz benötigt noch mehr Zuwanderung.

Die Tourismusbranche etwa hat ein massives Problem, Stellen zu besetzen, wenn die Zuwanderung aus Kroatien wie geplant begrenzt wird. Dass die Zuwanderung für die Schweiz kein Selbstläufer ist, heisst es im Tages-Anzeiger – Fachkräfte aus Grossbritannien würden zum Beispiel abziehen. Das zeigt: Die Schweiz ist nicht automatisch attraktiv für ausländische Fachkräfte. Abhängig bleibt sie jedoch. Und glaubt man den Prognosen von Demograf Budliger, wird es schon in naher Zukunft sehr viel weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter geben. Weil auch das Ausland den Fachkräftemangel spürt, wird es alles dafür tun wollen, ihre Fachkräfte im eigenen Land zu behalten. Für viele Familien seien andere Länder attraktiver als die Schweiz, trotz der höheren Löhne, da Wohnkosten, Krankenkasse und Kinderbetreuung hier mehr zu Buche schlagen, betont Budliger.

Was bedeutet das alles?

Wenn die Zuwanderung aus Sicht der SVP keine Lösung ist, muss eine andere her. Doch ganz ohne wird es wohl nicht gehen. Dieser Faktencheck zeigt, dass die Bevölkerung aktuell zwar wächst, vor allem auch durch Zuwanderung. Gleichzeitig verändert sich in der Schweiz und den Nachbarländern auch die Struktur der Bevölkerung, es gibt immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter. Der Fach- und Arbeitskräftemangel muss also durch Zuwanderung abgefedert werden.

Ist die Angst vorm Dichtestress berechtigt? Wer immer in der Rush-Hour Zug fährt, wird mehr Dichtestress, oder einfach Stress, spüren, als jemand, der mit dem Velo fünf Minuten zu seiner Arbeit fährt. Wer Mühe hat, eine (bezahlbare) Wohnung zu finden, wird ebenfalls mehr Stress spüren, als jemand, der schon seit zehn Jahren in der gleichen Wohnung oder im eigenen Haus lebt. Diese Entwicklung trifft vermutlich auf alle Grossstädte zu und ist die Kehrseite vom Wirtschaftswachstum.

Herz Liane Dschungel Tarzan
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